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Volkskrankheiten im Visier

Leipzig. Mit einer umfangreichen Studie wollen Mediziner des Universitätsklinikums Leipzig den Ursachen für Volkskrankheiten auf die Spur kommen. Dazu untersuchen sie ab nächstem Monat rund 30 000 Kinder und Erwachsene. Von Jörg Aberger und Anna Müller-Heidelberg

Leipziger Wissenschaftler wollen herausfinden, wie sich Volkskrankheiten bereits im Kindesalter bemerkbar machen. Das Ziel der Ärzte ist, Ansätze für künftige Therapien, neue Medikamente und Geräte zu schaffen. Es geht dabei unter anderem um Herzinfarkte, Fettleibigkeit und Depressionen. „Um einen Überblick über die Gesamtbevölkerung zu bekommen, werden ganze Schulklassen eingeladen“, sagte der Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche, Wieland Kiess, zur Projektplanung.

30 000 Probanden nehmen teil

Bis 2013 untersuchen Ärzte laut Online-Präsenz des Universitätsklinikums rund 30 000 Leipziger – Kinder und Erwachsene – klinisch und bioanalytisch. Durch die Messung von Stresshormonen in den Haaren der jungen Teilnehmer soll sich etwa zeigen, wie sich psychische Störungen entwickeln. Nach Angaben der Ärzte nimmt die Studie aber nicht nur medizinische Daten auf. Das soziale Umfeld werde untersucht, um Rückschlüsse von der sozialen Herkunft auf die Entwicklung von Krankheiten zu ziehen. Ärzte ergründen genetische Anlagen, Stoffwechsel, Umweltbedingungen und den individuellen Lebensstil.

Denn schon bei Heranwachsenden seien oft frühe Anzeichen wie zum Beispiel Übergewicht festzustellen. Späte Herz-Kreislauf-Erkrankungen würden im Kindesalter angelegt, sagte der Leiter der Studienambulanz des Projekts, Andreas Hiemisch. Bei Erwachsenen ließe sich zum Beispiel eine Arteriosklerose anhand von Kalkablagerungen in den Adern nachweisen. Schon bei Kindern seien Veränderungen der Haut, die irgendwann zu der Erkrankung führten, ebenfalls erkennbar – aber schwerer festzustellen. In einer Pilotstudie haben Ärzte seit März dieses Jahres bereits die ersten 519 Probanden untersucht. Durch diesen Vorlauf wollten Experten die Schwächen des groß angelegten Tests vorab beheben.

Stadt zeigt Interesse an Daten

Leipzigs Sozialbürgermeister Thomas Fabian erklärte, die Stadt sei sehr an den Daten interessiert. Fabian hofft, daraus Aussagen über die konkrete Situation der Kinder und Jugendlichen in Leipzig zu erhalten. Dies ließe dann den gezielten Einsatz von Präventions- und Interventionsprogrammen zu.

Nach Angaben von Klinikdirektor Kiess ist die Studie auf eine Dauer von zehn Jahren angelegt. Zum Ende des Untersuchungszeitraums sollten noch mindestens 60 Prozent der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen dabei sein, sagte er. Er sei diesbezüglich optimistisch, weil Leipzig nur eine sehr geringe Wegzugsquote habe und deshalb ein geringer Schwund bei den Teilnehmerzahlen zu verzeichnen sein werde.

Zum Thema:

Zum Thema ,,Life'' steht für „Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen“. Wissenschaftler wollen mit der Studie insbesondere Ursachen von Volkskrankheiten wie Gefäßerkrankungen und Herzinfarkt, Diabetes mellitus und Fettleibigkeit, Depression, Demenz, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Kopf- und Halstumore sowie Allergien und Stoffwechselstörungen finden. Die Europäische Union fördert das Forschungsprojekt laut Online-Präsenz des Klinikums mit 32 Millionen Euro, Sachsen subventioniert es mit sechs Millionen Euro.