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| 02:38 Uhr

Vivaldi räumt auf

Post aus Dresden. Leipzig hat Bach. Leipzig hat Wagner. Leipzig hat Mendelssohn-Bartholdy. Wen vergessen? Ach ja: Beethoven sitzt im Gewandhaus nackt auf einem Sessel, in Marmor gehauen von Max Klinger, bedeckt nur von einer Sofadecke und guckt beethovenmäßig misanthropisch. Aber es soll hier um die Musik gehen. ckz1

Leipzig ist eine feinsinnige und feinhörige Stadt. "Res severa verum gaudium" steht in großen Lettern im Gewandhaus an der Wand. Das ist lateinisch und heißt, frei übersetzt, in etwa: Leute, hört mehr Klassik!

Wird auch gemacht. Vier Jahreszeiten im Fahrstuhl, leichter Bach am Springbrunnen. Mondscheinsonate auf dem Hotelklo. Klassik Radio im Taxi. Schüler geigen Mozart vorm Kaufhof. Thomaner-Buben hören auf dem Handy Punkt auf dem Weg zum Kantatenüben. Bei den "Classic Open" essen Senioren auf dem Markt Camembert mit André Rieu und abends reiten die Walküren durch die Kneipen. Das Schöne an Klassik ist ja, sie stört die wenigsten. Aber manche eben doch.

Am Hauptbahnhof, Eingang West, haben jetzt die, die da immer sitzen, ihre Rucksäcke gepackt. Sie suchen ein neues zweites Wohnzimmer. Grund für den Exodus soll ausgerechnet die klassische Musik sein, die dort seit ein paar Tagen spielt. Das Management der Bahnhofs-Promenaden ließ dort extra einen Lautsprecher aufstellen - nun dudelt es andauernd.

Offizielle Begründung ist, man wolle "der langen Tradition der Musikstadt Leipzig Rechnung tragen". Die Linken-Stadträtin Juliane Nagel vermutet aber was ganz anderes. Nämlich dass die zarten Klänge als "subtiles ordnungspolitisches Mittel eingesetzt" würden, um "TrinkerInnen" zu vertreiben. Das wirft doch zumindest eine Frage auf: Warum ist eigentlich nie von KlassikerInnen die Rede?