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| 14:27 Uhr

Schatz im Osterzgebierge
Das Geheimnis der Lauensteiner „Silberlinge“

Lauenstein/Dresden. Der sächische Maurer Robert Neßler hatte das Glück des Tüchtigen. In einem Wirtschaftsgebäude des Schlosses Lauenstein im Osterzgebirge hat er einen Schatz gefunden. Experten haben jetzt die jahrhundertealten Münzen untersucht und ziemlich klare Vorstellungen davon, wer sie versteckt haben könnte. Von Jan Siegel

Das malerische Renaissance-Schloss Lauenstein lag bis vor Kurzem im Dornröschenschlaf. Die Residenz im Osterzgebirge, gut 30 Kilometer südöstlich von Dresden, thront hoch oben auf einem Felsen über dem Tal der friedlich dahin plätschernden Müglitz. Lange galt das gut restaurierte Herrenhaus eher ein Geheimtipp für Kultur- und Naturfreunde.

Aber das änderte sich in diesem Sommer. Bei Bauarbeiten in Wirtschaftsgebäude im Torhauses stieß der Mitarbeiter einer Baufirma aus Lauenstein, Robert Neßler auf einen spektakulären Fund.

Der 38-jährige war schon mächtig ins Schitzen gekommen, denn er musste in einem engen Nebenraum des Hauses unter einem Fußboden kräftig schippen. Beinahe einen Meter tief war er schon gekommen. Die Arbeit war monoton, es in seinem Eimer ungewöhnlich hell klingelte, erzählt er heut. Der wache Sachse wurde sofort stutzig und findet schließlich mehr als 200 Silbermünzen aus dem 16. Jahrhundert, die fast 500 Jahre lang unter den Dielen im Torhaus auf dem Wirtschaftshof des Schlosses gelegen hatten.

Schloss Lauenstein im Osterzgebirge.
Schloss Lauenstein im Osterzgebirge. FOTO: Osterzgebirgsmuseum Schloss Laue

Nicht eine Sekunde habe er daran gedacht, den Fund zu behalten, erzählt Robert Neßler der RUNDSCHAU. „Wir arbeiten oft in historischen Gebäuden. Da gibt es eine klare Ansage vom Chef.“

Die Leiterin des Osterzgebirgsmuseums im Schloss Lauenstein Gabriele Gelbrich vermutete von Anfang an, dass die Münzen während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) unter den Fußbodendielen versteckt worden sind.

Die Vorahnung wurde jetzt von den Fachleuten des Münzkabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden bestätigt. Sie hatten den außergewöhnlich großen Fund in den zurückliegenden Wochen genau untersucht. Im Münzkabinett sollen die Fundstücke in den kommenden Monaten restauriert werden.

„Aufgrund der glücklichen Fundumstände haben wir das gesamte Münzkonvolut von 236 Stücken erfassen und bestimmen können“, sagte Wilhelm Hollstein, der Oberkonservator des Münzkabinetts am Mittwoch in Dresden.

Ein Schatz im eigentlichen Sinne sei es gar nicht, erläutert Sachsens Landesarchäologin Regina Smolnik. Der materiellen Wert des Fundes schätzt sie auf um die 6000 Euro. Überwiegend handle es sich um kleinere Silbermünzen.

Die älteste Münze war nach Einschätzung der Fachleute bereits um das Jahr 1460 geprägt worden. Die jüngste der Münzen stammt von 1631. Das deutet tatsächlich daraufhin, dass das Dielenversteck in Lauenstein in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges angelegt worden ist.

Stoffreste, die bei den Silbermünzen gefunden worden sind, lassen vermute, dass sich die Geldstücke in einem Beutel befunden hatten.

Von einer historischen Hintergrundrecherche erhoffen sich die Fachleute jetzt noch mehr Aufschlüsse zu der Nutzung des Gebäudes am Schloss, zu der Zeit, als der Silberschatz versteckt worden war.

Viel wissen sie aber schon jetzt. Der Wert der gefundenen Münzen entspricht etwa em halben Jahreslohn eines Tischlergesellen im 17. Jahrhundert. Dafür hätte man seinerzeit immerhin rund fast 600 Pfund Rindfleisch kaufen können oder auch 600 Kannen „Pirnasches Bier“.

Vieles deutet darauf hin, dass es sich bei dem Fund im Torhaus des Schlosses Lauenstein, um die Ersparnisse eines „kleinen Mannes“ handelt. Mit der Herrschaft im Schloss selbst dürften die Münzen, nach Einschätzung der Fachleute nichts zu tun haben.

Im Frühsommer des Jahres 1618, vor 400 Jahren hatte mit dem Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg begonnen, der auch für die Menschen in Sachsen – damals Kursachsen – zum Trauma werden sollte.

Der Landstrich im Grenzgebiet zu Böhmen wurde wechselseitig von protestantischen und katholischen Truppen belagert und von marodierenden Soldaten tyrannisiert. Es herrschten Hunger und Pest. Der Verzweiflung vieler Bewohner war groß. Kein Wunder, dass die Lauensteiner „Silberlinge“ in dieser Zeit in Sicherheit gebracht wurden und im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit gerieten.

Noch ist nichts endgültig entschieden, aber die heutige „Herrin“ im Schloss Lauenstein, Gabriele Gelbrich, hofft, dass die Münzen nach der Restaurierung wieder zurückkehren und gezeigt werden können am Fundort. Bei der Sanierung des Schlosses und in seinem Umfeld seien eine Menge weiterer „Schätze“ gefunden worden, die Schlossbesucher überraschen könnten. Aber es seine eben Geld und Münzen, die die Fantasie der Menschen rund um einen verborgenen Schatz stets am meisten anregten.

Der Oberkonservator des Münzkabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Dr. Wilhelm Hollstein, zeigt die älteste Münze, die im Schloss Lauenstein gefunden wurde. Sie stammt etwa aus dem Jahr 1460.
Der Oberkonservator des Münzkabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Dr. Wilhelm Hollstein, zeigt die älteste Münze, die im Schloss Lauenstein gefunden wurde. Sie stammt etwa aus dem Jahr 1460. FOTO: LR / Jan Siegel