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| 02:41 Uhr

Unter Einsiedlern

Polizisten vor der Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz-Einsiedel. Am Dienstag hatten Gegner der Einrichtung versucht, den Einzug von Asylsuchenden zu verhindern.
Polizisten vor der Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz-Einsiedel. Am Dienstag hatten Gegner der Einrichtung versucht, den Einzug von Asylsuchenden zu verhindern. FOTO: dpa
Einsiedel. Die Bürger von Chemnitz-Einsiedel marschieren lieber mit NPD und Pegida, als Flüchtlinge reinzulassen. Trotzdem sind jetzt die ersten da. Ohne Polizei geht es nicht. Christine Keilholz

Seit Dienstag wohnen 40 Flüchtlinge im alten Pionierlager über dem Ort. Doch die Einsiedler wehren sich weiter. Mittwoch, kurz nach Mittag: Unten an der Auffahrtsstraße hält die Polizei ein Grüppchen Leute in Schach. Junge bullige Kerle, ein paar Mädels, einer hat einen gut gefüttertem Terrier dabei. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt tobt nicht gerade das Leben in dem Örtchen an der Chemnitzer Südkante. Dass oben einer Flaschen in den Altglascontainer schmeißt, ist bis unten bei den Heimgegnern zu hören. Dazwischen reihen sich hübsche Villen den Hang hinauf. Vor dieser Kulisse sind sie immer wieder schweigend marschiert. Pegida-Aktivisten, NPD-Kader und viele von den 3600 Einwohnern Einsiedels. Ganz oben, im Pionierlager, schnappen ein paar Männer frische Luft. Sie haben es aus Syrien und Afghanistan hierher geschafft - jetzt brauchen sie Polizeischutz.

Einsiedel ist bekannt inzwischen. Als einer der Hotspots im vermeintlichen Kaltland Sachsen. Einsiedel hat einen Hashtag bei Twitter, wo immer wieder neue Debatten toben. So wie auch Heidenau, Freital, Meißen oder Tröglitz in Sachsen-Anhalt. Seit Monaten wehren sich die Einsiedler gegen das Flüchtlingsheim auf dem Berg. Schon bald nachdem sich die Unterbringungspläne herumgesprochen hatten, formierte sich eine "Nein zum Heim"-Bewegung, wie es sie in etlichen Orten gibt. Dahinter stecken üblicherweise Organisatoren der rechtsextremen NPD. Informationsveranstaltungen brachten in Einsiedel so wenig wie Fernsehtalkshows, die Einsiedler bleiben bei ihrem Nein zum Heim.

Die Ausländerbehörde versuchte es am Dienstag kurz und schmerzlos. Erst ging eine kurze Mitteilung über die Sender, dass "zunächst 40 Asylbewerber" nach Einsiedel kommen. Wenige Stunden später kamen sie auch. Es seien "ausschließlich Familien mit Kindern aus Syrien und Afghanistan", die registriert seien und eine medizinische Erstuntersuchung durchlaufen hätten, teilte die Behörde mit. Doch es half nichts, pünktlich zur Ankunft standen die Nein-Sager wieder bereit.

Eine Gruppe von acht Leuten stand auf der Zufahrtsstraße und spielte Barrikade. Auch nach "Androhung von unmittelbarem Zwang" rückten sie nicht ab, heißt es im Polizeibericht. Schließlich hätten die Beamten sie "mit einfacher körperlicher Gewalt" auf den Fußweg gedrängt, damit der Konvoi passieren konnte.

Am Nachmittag schwoll das Störergrüppchen am Straßenrand auf 50 Leute an. Die marschierten dann bergauf in Richtung Heim - unter dem Banner "Einsiedel sagt Nein!" Insgesamt 16 Platzverweise erteilte die Polizei an diesem Nachmittag. Am Abend, pünktlich nach der Tagesschau, waren wieder 70 Protestler auf der Straße. Die Kundgebung, die sie schnell noch angemeldet hatten, richtete sich gegen "allgemeine soziale Ungerechtigkeit in Deutschland". 85 Polizisten waren im Einsatz, bis sich die Versammlung kurz vor Mitternacht zerstreute.

Dass sich die Lage im Dorf entspannt, ist erstmal nicht zu erwarten. Die Polizeidirektion Chemnitz richtet sich auf längere Präsenz ein. Die Unterkunftsgegner hätten schon öfter gezeigt, dass mit ihnen jederzeit zu rechnen sei.

Auch weil rechte und linke Gruppen im Internet zum Aufmarsch in Einsiedel aufgerufen hätten, bleibe man lieber in Alarmbereitschaft.

Zum Thema:
Zwischen Berlin und Brandenburg gibt es Streit um die Übernahme von Flüchtlingen. Auslöser sind Äußerungen des brandenburgischen Innenministers Karl-Heinz Schröter (SPD). Nach seiner Überzeugung kann Brandenburg die Hauptstadt nicht entlasten. Berlin habe hier seine Grenze schon erreicht und beim Nachbarn angefragt, sagte Schröter der "Bild"-Zeitung. Eine solche Hilfe sei jedoch ausgeschlossen. "Es kann nicht sein, dass Susi Sorglos auf dem Tempelhofer Feld Drachen steigen lässt - und wir sollen für die Berliner die Quote übernehmen." In einem Volksentscheid hatte eine Mehrheit gegen eine Bebauung des einstigen Tempelhofer Flughafenareals votiert. Die Berliner CDU reagierte scharf auf die Äußerungen. "Schröters Haltung, keine Flüchtlinge aus Berlin übernehmen zu wollen, ist unkooperativ, unverständlich und unverantwortlich", erklärte der Berliner CDU-Generalsekretär Kai Wegner.