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| 08:48 Uhr

Alte Sammlung bekommt neues Zuhause
Umzug für Dresdner Puppen und Marionetten

 Konservator Lars Rebehn hält im Marionettenraum der Puppentheatersammlung eine Kasper-Marionette. Bis 2021 ziehen Marionetten, Hand- und Stabpuppen in ihr neues Museum um.
Konservator Lars Rebehn hält im Marionettenraum der Puppentheatersammlung eine Kasper-Marionette. Bis 2021 ziehen Marionetten, Hand- und Stabpuppen in ihr neues Museum um. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
Dresden. Sie ist eine der größten Sammlungen von Theaterpuppen, aber seit Jahrzehnten verborgen. Nun bekommt sie ein eigenes Museum.

Der Capitano ist arg ramponiert. Gleich einer Pathologin zählt Ines Handel, Restauratorin der Dresdner Puppentheatersammlung, die Schäden auf: „Der Kopf ist ab, am Gelenk ein Stift rausgerutscht und hier waren die Motten.“ Die Handpuppe mit gedrechseltem Kopf und Schnurrbart in blau-roter Uniform muss zur „Not-OP“, bevor sie inventarisiert werden kann. Sie ist nur eine von rund 12 000 Puppen, die in Kartons oder hängend auf ihren großen Auftritt warten.

Ritter, Teufel oder auch die sieben Zwerge füllen Räume und Kisten unterm Dach der Dresdner Garnisonskirche. Hinter jeder der Türen öffnet sich eine ganz eigene Welt. „Das hier sind etwa 200 Puppen“, sagt Kurator Lars Rebehn. In mehreren Reihen hängen sie von der Decke – mit kahlen Köpfen, Stab, Fäden oder sogar Kurbel.

 Figuren eines mechanischen Miniaturtheaters, auch Theatrum mundi genannt, stehen in der Puppentheatersammlung bisher nur in einem Schrank.
Figuren eines mechanischen Miniaturtheaters, auch Theatrum mundi genannt, stehen in der Puppentheatersammlung bisher nur in einem Schrank. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert

Den meisten ist anzusehen, dass sie oft benutzt wurden. Es riecht nach Mottenpapier. Holzwürmer, Staub, Wärme, Klimaschwankungen und zu viel Bewegung sind ebenfalls Gift für die Reliquien des Puppenspiels, darunter viele Kasper. Die ältesten stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. „Hier ist einer von 1860 und der ist von 1850“, erzählt Rebehn und deutet auf zwei 70 Zentimeter große Figuren. „Erkennungszeichen: bewegliche Augen und Mund, er reißt die Gusche auf, wenn man am Faden zieht.“ Perücken und Kostüme zum Wechseln werden extra verwahrt. Rebehn und sein Team verwahren die mit Abstand größte Sammlung zum traditionellen Marionettentheater in Deutschland, darunter 230 Jahre alte Figuren, die Theodor Storms Novelle „Pole Poppenspäler“ und Heinrich von Kleist beeinflussten. Auch das mechanische „Theatrum mundi“ übertrifft mit mehr als 2400 Figuren und Kulissen von 1850 bis 1920 jeden anderen Fundus. Rebehn: „Sie sind in Qualität und Vielfalt in keinem anderen europäischen Museum zu finden.“

Daneben harren weitere Raritäten aus: die größte Papiertheater-Kollektion in einem deutschen Museum, eine umfangreiche Sammlung zum künstlerischen Handpuppentheater seit den 1920er-Jahren, der größte Bestand zu kommunalen Puppentheatern in der DDR und ihren Nachfolgern im Osten.

Zu den Schätzen zählen überdies das Schattentheater von Trickfilm-Pionierin Lotte Reiniger von 1947/1948, mehrere Ausstattungen von Opernregisseur Achim Freyer und die Bühne zur politisch brisanten Inszenierung „Die Jäger des verlorenen Verstandes“ der ersten freien DDR-Theatergruppe Zinnober von 1982. Mit mehr als 100 000 Theaterfiguren, -bühnenbildern, Requisiten und Bühnen sowie Archivalien des 18. bis 20. Jahrhunderts gehört der Dresdner Bestand aus Sicht von Experten zu den weltweit größten und bedeutendsten seiner Art. Die Spanne reicht über Handpuppen der Jahrmärkte und Theaterfiguren des Bauhauses bis zum Figurentheater der Gegenwart. 1952 als „Staatliche Puppenspielsammlung“ gegründet, tauchen bisher nur Wissenschaftler und Künstler in die ebenso poetische, dramatische und zauberhafte wie komische Welt ein. Mit dem für 2021 geplanten Umzug ins Kultur-Kraftwerk in der City soll der zu den Staatlichen Kunstsammlungen (SKD) gehörende Bestand endlich einen angemessenen Platz erhalten sowie Geschichte, Tradition und Praxis des Puppenspiels bekannter gemacht werden, sagt Igor Jenzen, Direktor des Museums für Sächsische Volkskunst. 2500 Quadratmeter stehen für Depots, Büros und Werkstätten zur Verfügung, davon allein gut 1000 Quadratmeter für Ausstellungen. Jenzen: „Dann können auch die Puppenspieler-, Wohn- und Packwagen gezeigt werden, wie auf dem Dorfanger.“ Die Kuratoren schöpfen dabei auch aus einem umfangreichen Archiv der Theaterprogramme, -plakate und -textbücher.

Der Freistaat Sachsen investiert 1,5 Millionen Euro, um den reichen Fundus ins rechte Licht zu rücken. „Es wird ein Rundgang durch die Welt des Puppenspiels, mit eigener Bühne für Inszenierungen.“ Dafür werden derzeit im Depot viele verstaubte Kisten geöffnet. „Jede Figur wird gesichtet, ihr Zustand gecheckt und möglicher Restaurierungsbedarf bestimmt“, erklärt Kurator Rebehn.

 Bis 2021 ziehen Marionetten, Hand- und Stabpuppen aus drei Jahrhunderten von der Kirche ins Kraftwerk. Dort sollen künftig Puppentheater und -spiel gefeiert werden.
Bis 2021 ziehen Marionetten, Hand- und Stabpuppen aus drei Jahrhunderten von der Kirche ins Kraftwerk. Dort sollen künftig Puppentheater und -spiel gefeiert werden. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
(dpa/bob)