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| 18:07 Uhr

Seltene Zeremonie
Taufe mitten im Brunnen

 Eine Mutter geht in der Sankt Petri-Pauli-Kirche in Eisleben mit ihrem Sohn in ein Taufbecken.
Eine Mutter geht in der Sankt Petri-Pauli-Kirche in Eisleben mit ihrem Sohn in ein Taufbecken. FOTO: dpa / Sebastian Willnow
Eisleben. Ein Becken erinnert in Eisleben an Luthers Taufe. Zeremonie ist eine Seltenheit.

In der St. Petri-Pauli-Kirche, nur einen Steinwurf von Martin Luthers (1483-1546) Geburtshaus in Eisleben entfernt, schreiten Menschen bewusst und sacht in die Tiefe: Denn inmitten der Taufkirche des Reformators befindet sich ein großer Brunnen. Viel Licht, Kerzen, und entspannte Musik erklingt in dem hohen Raum. In der etwa 70 Zentimeter tiefen Wanne lassen sich Menschen taufen. Das ungewöhnliche Taufbecken ist in den Boden der Kirche eingearbeitet. Wellenförmige Muster prägen das sorgsam verlegte Gestein, lassen somit den Blick in den hellen Raum gleiten.

Die spätgotische Hallenkirche ist das Taufzentrum der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Das Wasser in dem Brunnen, der einem runden Pool ähnelt, ist immer in Bewegung, so wie das Leben, so die Idee der Schöpfer, erzählt Pfarrer Heiner Urmoneit. Er leitet das Taufzentrum, das es seit 2012 in der wiedereröffneten und von Berliner Architekten gestalteten Kirche gibt. Sie erhielten dafür einen Preis.

Seither wurden dort 118 Menschen getauft, vom Baby bis zum Erwachsenen. 2018 gab es in der Kirche insgesamt 14 Taufen, wie der Pfarrer erzählt. Neun erfolgten im Brunnen, die anderen auf klassische Weise, indem der Kopf mit Wasser benetzt wird. Dies geschieht über dem Taufstein, der an Luthers – klassische – eigene Taufe erinnert. „Für 2019 gibt es bisher eine Anmeldung“, sagt der Theologe über die Zeremonie.

Nach Angaben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD/Hannover) werden nach den bisher vorliegenden Zahlen die meisten Taufen vor dem ersten Lebensjahr vollzogen.

Dennoch entschlossen sich im Jahr 2012 bundesweit rund 18 500 Menschen nach dem vollendeten 14. Lebensjahr dazu, wie ein Sprecher mitteilte. Neuere Zahlen liegen nicht vor. Damit entscheiden sich diese jungen Menschen – im Gegensatz zu einem Neugeborenen – bewusst zum Glauben. Taufen im Wasser gehören indes zum Ritual verschiedener Konfessionen.

Meist seien es Babys, die nach der Geburt getauft werden, weiß ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, die rund 700 000 Mitglieder zählt, über die heutige Praxis zu berichten. 2017 wurden 5424 Taufen in der EKM registriert, aber auch 5811 Kirchenaustritte. Die EKM ging vor zehn Jahren aus der Fusion der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen hervor.

Spätestens seit dem Reformationsjubiläum 2017 habe es sich herumgesprochen, dass in Luthers Geburtsstadt die Taufe mit einer heute unter Christen eher seltenen Zeremonie gefeiert wird, sagt Pfarrer Urmoneit.

Die Täuflinge – Babys und Kleinkinder mit ihren Eltern, Heranwachsende und Erwachsene – steigen dabei in voller Garderobe in das rund 70 Zentimeter tiefe Becken hinab, spüren das warme Wasser am Körper. Sie nehmen teils weite Wege auf sich, um an diesen Ort zu kommen, wo Luther schon kurz nach seiner Geburt am 11. November 1483 – klassisch – getauft wurde. In seinen Schriften habe er seine Taufe als Geschenk Gottes gewürdigt.

„Früher waren Taufen indes nicht solche Events wie jetzt“, sagt Urmoneit. Taufen wurden damals im kleinen Kreis der Familie gefeiert. Heute seien damit Zeremonien, auch an ungewöhnlichen Orten wie an Flüssen, und teils große Feiern angesagt.

„Das nimmt zu“, schildert der Theologe seine Erfahrungen.

(dpa)