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Strom vom Dach zum Kühlschrank

Der Vorstandsvorsitzende der Wohnungsbaugenossenschaft Fortschritt, Volker Kämmerer (r.), und der Leiter Technik, Torsten Hoecke, inspizieren Solarpanele auf dem Dach eines Mietshauses in Sondershausen.
Der Vorstandsvorsitzende der Wohnungsbaugenossenschaft Fortschritt, Volker Kämmerer (r.), und der Leiter Technik, Torsten Hoecke, inspizieren Solarpanele auf dem Dach eines Mietshauses in Sondershausen. FOTO: dpa
Sondershausen. Viele stöhnen unter den hohen Strompreisen in Ostdeutschland. Warum also nicht Solarstrom auf Mietshausdächern erzeugen und direkt verbrauchen, um Kosten zu sparen? Nach grünem Licht vom Bundestag könnte das Modell jetzt mehr Nachahmer finden. Christina Peters

20 Grad, wenig Wolken: Das freut Dieter Heigener. Drei Geschosse über seiner Mietwohnung knallt die Sonne auf die Solaranlage auf dem Dach des adretten Neubaus. "Bei dem Wetter hier gibt's ja richtig Strom", sagt der 70-Jährige. Die Solarzellen könnten fast die Hälfte des Strombedarfs der rund zwei Dutzend Haushalte im Mieterstrom-Projekt der Wohnungsbaugenossenschaft Fortschritt im thüringischen Sondershausen abdecken - rechnerisch jedenfalls.

Das Modell könnte Nachahmer finden: Vor einigen Wochen beschloss der Bundestag ein Gesetz zur Förderung von Mieterstrom-Modellen. Am rentabelsten seien sie in den ostdeutschen Bundesländern - dort, wo die Netzentgelte am höchsten sind und damit der Anreiz am größten, sich abzukoppeln, sagen Fachleute. Bundesweit könnte laut einer Studie jede sechste Mietwohnung dafür geeignet sein.

"Wenn man das Wort Mieterstrom hört, glaubt ja jeder Laie, da oben ist eine Fotovoltaik und dann geht eine direkte Leitung an deinen Kühlschrank", sagt Volker Kämmerer, Vorstand bei der Wohnungsbaugenossenschaft in Sondershausen. Tatsächlich nutzen die Mieter nur die Hälfte ihres Stroms vom Dach.

Da am Vormittag kaum jemand zu Hause ist, fließt der Großteil der Sonnenenergie weiter in das Netz der Stadtwerke. Abends laufen die Fernseher dafür nur mit zugekauftem Strom aus dem Netz. Es ist nur eine von einem Dutzend verschiedener Varianten, mit denen Mieter im eigenen Haus erzeugten Strom nutzen können.

Immerhin: Wenigstens zu 26 Prozent sind die beiden Häuser Selbstversorger. 63 Tonnen Treibhausgase haben die Bewohner in fast drei Jahren damit eingespart. Und sie zahlen für ihren Strom weniger als beim örtlichen Grundversorger. So könnten Mieter von der Energiewende und niedrigeren Strompreisen profitieren, sagt Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne).

Doch der Ausbau der Stromerzeugung auf den Dächern von Mietshäusern kommt nur langsam voran - selbst in Thüringen, das als eines der Pionier-Länder bereits im vergangenen Herbst ein eigenes Förderprogramm dafür aufgelegt hat. Rund 11 000 Häuser seien in Thüringen für Mieterstrom geeignet, doch nur eine niedrige zweistellige Zahl an Projekten gebe es bislang, schätzt das Ministerium. "Ich glaube auch nicht, dass es viel mehr sein werden in absehbarer Zukunft", sagt der Geschäftsführer der Thüringer Energie- und Greentech-Agentur (Thega), Dieter Sell.

Dabei kann sich das Modell auf lange Sicht rechnen. Für Strom, der ohne Umweg über das öffentliche Netz verbraucht wird, entfallen neben Abgaben wie der Stromsteuer auch die besonders im Osten happigen Netzentgelte. Die beachtliche Preislücke zwischen dem Stromtarif und der reinen Einspeisevergütung lässt zu, dass der Mieter auch dann Geld spart, wenn der Vermieter ihm den Strom zu einem höheren Preis verkauft, als er für die Einspeisung ins Netz bekäme, rechnen die Fachleute vor.

Besonders lukrativ ist das aus Vermietersicht trotzdem nicht. Denn zur Anlage kämen noch die Anschaffung spezieller Zähler, die Wartung und ein stattlicher bürokratischer Aufwand sowie ein steuerliches Risiko. Dazu müsse von jeder Stromlieferung die Umlage für erneuerbare Energien abgeführt werden - 6,88 Cent pro Kilowattstunde, die die Differenz auffresse.

Vergünstigungen gelten nur, wenn Erzeuger und Verbraucher eine Person sind, also etwa bei Eigenheimen. Liefert dagegen eine Wohnungsgenossenschaft Strom an Mieter, muss die volle EEG-Umlage gezahlt werden. Vor diesem Hintergrund halten Kritiker die neue Förderung von bis zu 3,8 Cent pro Kilowattstunde für zu gering.

Von einer echten Förderung könne damit keine Rede sein, moniert etwa der Bundesverband Solarwirtschaft in Berlin. Es sei immer noch nicht rechtlich gleich, was technisch gleich sei: Mieterstrom-Projekte müssten immer noch mehr zahlen als Eigenheimbesitzer, rechnet auch die Energiegenossenschaft Greenpeace Energy vor.

Für die Sondershäuser laufen die Zahlen insgesamt zumindest in Richtung einer schwarzen Null. "Wenn der Punkt kommt, dass man den Strom günstiger herstellt als die Stadtwerke, dann haben wir einen Durchbruch", sagt der technische Leiter der Genossenschaft, Torsten Hoecke.