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| 12:26 Uhr

Die digitale Welt als Sprachbarriere
Sorbischstunden für Siri?

David Statnik, Vorsitzender der Domowina, beklagt, dass Sorbisch-Lehrer-Nachwuchs. Die Länder hätten zu lange gezögert, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen, sagt er.
David Statnik, Vorsitzender der Domowina, beklagt, dass Sorbisch-Lehrer-Nachwuchs. Die Länder hätten zu lange gezögert, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen, sagt er. FOTO: dpa / Matthias Weber
Bautzen. Sollen die Sprachassistenzen auf dem Handy Sorbisch verstehen? Bei der Minderheitenförderung gibt es noch viele Baustellen. Woran fehlt es am meisten?

Am Montag will die Staatsregierung den Bericht zur Lage des sorbischen Volkes vorlegen. Erstmals gibt es im Landtag auch eine öffentliche Anhörung. Welche Aufgaben für den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur sind in Zukunft wichtig? David Statnik, Domowina-Vorsitzender, fällt im Interview dazu eine Menge ein: Auch, warum die virtuellen Sprachassistenten wie Siri und Alexa dringend Sorbisch verstehen sollten.

Herr Statnik, die Sächsische Staatsregierung legt am Montag den Bericht zur Lage des sorbischen Volkes vor. Wie geht es aus Ihrer Sicht den Sorben 2018?

Statnik Wir sind da – und unsere Sprache lebt. Es ist jedoch zunehmend schwieriger, gegenüber den anderen Sprachräumen zu bestehen. Im europäischen Vergleich haben wir relativ gut ausgeprägte rechtliche Rahmenbedingungen. In der praktischen Umsetzung sind wir abhängig von Städten und Kommunen, dem öffentlichen Bildungssystem und der Wirtschaft vor Ort. Wir haben viel erreicht, aber da ist ebenso viel Luft, Neues zu schaffen.

Eine große Baustelle ist die Absicherung des sorbischsprachigen Unterrichts. Wie sieht es damit aus?

Statnik Uns fehlt der Lehrer-Nachwuchs. Die Länder haben lange gezögert, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Wir suchen nun neben sorbischen Studieninteressenten nach Studenten und Lehrern aus dem nichtsorbischen In- und Ausland. Dafür gibt es verschiedene Fördermodelle. Wer Interesse hat, kann sich an die Bautzener Regionalstelle des Landesamtes für Schule und Bildung wenden.

Welche Schwierigkeiten gibt es noch beim Thema Schule?

Statnik Schwierig ist für uns die Frage der Klassenzusammensetzungen - also der jeweilige Anteil der Schüler mit sorbischer und deutscher Muttersprache. Die Schulen sind der Hort unserer Sprache. Wenn die Umgangssprache an den Schulen zunehmend deutsch ist, wird es schwierig, die sorbische Sprache an die nächste Generation weiterzugeben. Dies trifft sowohl für Sachsen als auch für Brandenburg zu. Besonders die derzeitige Entwicklung am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus beobachten wir mit großer Sorge.

Welche Hausaufgaben müssen die sächsischen Abgeordneten unbedingt bei der Minderheitenförderung noch beachten?

Statnik Bei Sorben handelt es sich nicht nur um schöne Trachten und heimische Traditionen. Gegenwärtig spüren wir die Barrieren zunehmend in der digitalen Welt. Dort, wo unser Alphabet nicht etabliert ist wie in Tageszeitungen. Auch Dienste großer Anbieter sehen die sorbische Sprache in ihren Systemen gar nicht vor. Das heißt, selbst wenn wir bereit sind, ein Übersetzungsprogramm mit zu entwickeln, nehmen es die Anbieter in ihre frei zugänglichen Plattformen nicht auf.

Dabei kann die Politik helfen?

Statnik Ja, mit politischer Unterstützung könnte das vielleicht gelingen. Walisisch findet sich im Google-Übersetzer. Die gleichgroße Beschriftung auf Schildern ist ein weiteres Beispiel. Wieso wird die sorbische Beschriftung kleiner als die deutsche geschrieben? Hier erwarten wir Unterstützung aus dem Parlament.

Die Finanzierung der Stiftung für das sorbische Volk ist bis 2020 durch den Bund und die beiden Länder Brandenburg und Sachsen gesichert. Was fordern Sie für die Zukunft?

Statnik Wahrscheinlich müssen wir überlegen, ob der langfristige Ansatz „Kultur und Sprache“ noch zeitgemäß ist. In den vergangenen Jahren sind viele Bereiche hinzugekommen, die man vor 25 Jahren nicht erahnen konnte. Wenn es uns zum Beispiel nicht gelingen wird, dass auch Siri und Alexa Sorbisch verstehen, wird die Sprache im digitalen 21. Jahrhundert an ihrem Glanz verlieren. Das und vieles mehr ist aus den derzeitigen Mitteln nicht zu leisten.

Die Lausitz steckt im Strukturwandel - weg von der Braunkohle hin zu erneuerbaren Energien. Welche Herausforderungen bringen diese Veränderungen für die Minderheit mit?

Statnik Zweifellos ist die Braunkohle für Teile des sorbischen Volkes Fluch und Segen zugleich und hat tiefe Einschnitte und viele Verletzungen hinterlassen. Wir stellen jedoch fest, dass dieses Thema der generellen Frage gewichen ist, wie der nun stattfindende Strukturwandel gemeistert werden kann. Das sorbische Volk braucht die Lausitz. Doch ist die Lausitz dieselbe ohne das sorbische Volk? Daraus folgen Fragen, die wir im Herbst auf einer Strukturkonferenz mit den beiden Ländern und den Kommunen thematisieren wollen.

(Mit David Statnik sprach Miriam Schönbach, dpa)