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Nach der Amokfahrt in Münster
SEK stürmt Wohnungen des Fahrers in Pirna und Heidenau

Karl Hans-Joachim Kunze   aus Pirna steht, nach dem das SEK in der Nacht zum  8. April   seine Wohnung gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses an seiner der Wohnungstür.
Karl Hans-Joachim Kunze aus Pirna steht, nach dem das SEK in der Nacht zum 8. April seine Wohnung gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses an seiner der Wohnungstür. FOTO: Daniel Förster
PIRNA/HEIDENAU. Die Spur zum mutmaßliche Amokfahrer, der am Samstag in Münster mindestens zwei Menschen getötet hatte, führt die Polizei auch nach Sachsen. Bei der Wohnungsdurchsuchung in Münster fanden die Ermittler Unterlagen zu Wohnungen in Pirna und Heidenau. Letztere stand schon einige Tage vor der Amokfahrt im Fokus der Polizei. Von Daniel Förster

Auf dem Sonnenstein in Pirna riss das Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei in einem 17-Geschosser mitten in der Nacht Karl Hans-Joachim Kunze aus dem Schlaf. Gegen 2 Uhr am Morgen brachen die Polizisten die Tür zu seiner Ein-Raum-Wohnung (43 Quadratmeter) in der 17. Etage auf. Die hatte er vor knapp einem Jahr von der WGP angemietet. Vier Beamte vom SEK und zwei Frauen vom LKA standen in voller Montur mit Maschinenpistole vor dem 64-jährigen Rentner. „Ich musste meine Hände auf den Rücken nehmen, dann haben sie Handschellen angelegt und mich vor die Tür gebracht“, erzählt der gebürtige Pirnaer, der einst Vollmatrose der Hochseefischerei lernte und in den letzten 25 Jahren seines Berufes als Werkschutzfachkraft im Sicherheitsdienst arbeitete. Zunächst hätte er gar nicht gewusst, wie ihm geschah.

Bei der Wohnungsdurchsuchung des mutmaßlichen Amokfahrers Jens Alexander R. in Münster hatten die Ermittler Unterlagen zu dieser Wohnung in Pirna gefunden. Sie war als amtlich angemeldete Nebenwohnung angegeben. Kunze war vor knapp einem Jahr hier eingezogen und wusste von seinem Vormieter gar nichts. Das SEK hat zum Schluss den überrumpelten Mieter aufgeklärt, dass die 30 minütige Wohnungsdurchsuchung im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Amokfahrt in Münster am Nachmittag des 7. April 2018 stand. Die Staatsanwaltschaft Münster hatte sie angeordnet (Aktenzeichen 64/18/525240). Es wurden keine Gegenstände vorgefunden und sichergestellt bzw. beschlagnahmt.

In Heidenau hatte der mutmaßliche Amokfahrer eine Zwei-Raum-Wohnung (73 Quadratmeter) in dem Obergeschoss eines Wohn- und Geschäftshauses im Stadtteil Mügeln. Vor der Tür liegt seit Jahren ein Vorleger mit der Aufschrift „Zu Gast bei Freunden“. An der Tür zu seiner Wohnung fehlt der Türknauf, zwei polizeiliche Siegel kleben am weißen Türrahmen, an dem deutlich die Spuren einer gewaltsamen Öffnung zu sehen sind, ein Riss geht durch das teilweise gespaltene Holz. Das SEK hatte diese Wohnung am Morgen des 8. April gestürmt. Seit dem späten Abend war das Haus observiert worden. Kurz vor Mitternacht umstellten die vermummten Elitepolizisten das Haus. Bewohner, die nach Hause oder in den Keller wollten, wurden vom SEK abgefangen und noch vor dem Zugriff von den Polizisten mit Maschinenpistolen zu ihren Wohnungen begleitet.

Früh 2 Uhr war der Zugriff, rückten die vermummten Beamten mit einem Knall in die Wohnung, in der sich niemand befand. Dort stellten die Beamten zahlreiche Schriftstücke sicher, so ein mehrseitiges Schreiben, das als Suizid-Ankündigung zu verstehen sei. Auch der verstaubte VW Turan in der Tiefgarage war in den Fokus der Beamten gerückt. Der Wagen war seit Monaten nicht bewegt worden. Jens R. könnte die Heidenauer Wohnung vor vielleicht anderthalb oder zwei Jahren oder auch schon länger bezogen haben. Keiner weiß das so genau. Jens R. wurde in der Wohnung und in dem Haus äußerst selten gesehen, berichten Nachbarn.

Bereits mehrere Tage vor der Amokfahrt hat die Polizei die Heidenauer Wohnung von Jens R. aufgesucht, damals hatte die Polizei ein vielseitiges Schreiben von Jens R. erhalten. Bekannte hatten es der Polizei übergeben. In dem Schreiben hätte er seitenweise seine Situation und Probleme geschildert, der Inhalt soll in Richtung Suizid gegangen sein. Die Polizisten haben aber an der Heidenauer Anschrift niemanden angetroffen.