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| 17:08 Uhr

Neue Sonderausstellung in Schloss Hubertusburg
Sachsens Versailles, das fast keiner kennt

 Wie ein Geschenk, das nie richtig ausgepackt wurde – das Schloss Hubertusburg im Wermsdorfer Wald.
Wie ein Geschenk, das nie richtig ausgepackt wurde – das Schloss Hubertusburg im Wermsdorfer Wald. FOTO: dpa / Sebastian Willnow
Oschatz. Schloss Hubertusburg ist einmalig in Europa – aber auch einmalig einsam. Nun erinnert eine Sonderausstellung an den größten Moment in der sächsischen Geschichte, der mit der vergessenen Residenz verbunden ist. Von Christine Keilholz

1719 feierte Sachsen so groß wie nie. Einen Monat dauerten die Feierlichkeiten, als Prinz Friedrich August seine Maria Josepha heimführte. Die Braut kam mit großem Gefolge aus Wien. Eine Kaisertochter zieht nicht alle Tage in einer Provinzhauptstadt ein. Maria Josepha, mit 20 Jahren nicht mehr ganz taufrisch für eine Braut ihrer Zeit, war eine Partie von europäischem Rang. Genau da wollte das sächsische Herrscherhaus der Wettiner hin. Die Hochzeit versprach Reichtum und Macht. So nah daran, ganz groß rauszukommen, war Sachsen nie wieder.

Die Jagdresidenz als Stein gewordenen Perle des sächsischen Barock

Die Rechnung des Kurfürsten August des Starken und seines Sohns Friedrich August ging nicht ganz auf. Von den übersteigerten Ambitionen Sachsens zeugt bis heute das Schloss, das der überstolze Kurfürst dem Brautpaar schenkte. Die Jagdresidenz Hubertusburg ist eine der größten Schlossanlagen Europas. Sie kann sich messen mit Versailles und dem Wiener Schloss Schönbrunn und gilt als Stein gewordene Perle des sächsischen Rokoko.

 Videoinstallationen zeigen die früheren Bewohner von Schloss Hubertusburg.
Videoinstallationen zeigen die früheren Bewohner von Schloss Hubertusburg. FOTO: dpa / Sebastian Willnow

Die Jagdresidenz steht bis heute in der Landschaft wie ein Geschenk, das nie richtig ausgepackt wurde. Das Hubertusburger Rokoko war nur ein kurzer Traum. Der Bau entstand im Wermsdorfer Wald, in dem der Kurfürst gern jagte. Heute ist es nicht nur weit ab von den üblichen Besucherrouten, sondern auch leer. Zwei Probleme, die das Märchenschloss zu einer Last machen für den Freistaat, der es besitzt.

 Heute trifft gestern  Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes, Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, und Matthias Haß (CDU), Finanzminister von Sachsen (v.l.), stehen im Schloss Hubertusburg vor Bildnissen von Friedrich August II. und Maria Josepha von Österreich.
Heute trifft gestern Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes, Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, und Matthias Haß (CDU), Finanzminister von Sachsen (v.l.), stehen im Schloss Hubertusburg vor Bildnissen von Friedrich August II. und Maria Josepha von Österreich. FOTO: dpa / Sebastian Willnow

14 Hektar ist das Gesamtareal groß. Die Nebengebäude herausgerechnet, besteht das Schloss heute aus 30 000 Quadratmetern ungenutzten Raums. Hubertusburg hat nie seinen Platz auf der touristischen Landkarte Sachsens gefunden. Hier etwas aufzubauen, das dauerhaft für Besucher attraktiv ist, hat nie hingehauen. Das hat mit der Geschichte dieses Hauses zu tun. Sachsens größtes Schloss ist außen schön, aber innen kahl.

Mit dem Siebenjährigen Krieg kamen die Preußen . . .

Das kam so. Hubertusburg, wie es heute dasteht mitten im Ort Wermsdorf, fünf Minuten entfernt von der Autobahn 14, ist das Ergebnis von 30 Jahren Bau. Namhafte Architekten wie Johann Christoph von Naumann und Johann Christoph Knöffel entwarfen die Anlage. Die musste groß und prächtig sein, denn es sollte die Kaisertochter darin wohnen. Das Brautpaar Friedrich August und Maria Josepha verlebte in Hubertusburg glückliche Jahre inmitten ihrer Kinder und der teuren Kunst, für die sie beide schwärmten. Doch dann kam der Siebenjährige Krieg und mit ihm die Preußen. Die plünderten das Residenzschloss 1761 mit preußischer Gründlichkeit aus. Die Bilder verstreuten sich in alle Welt. Keine Ledertapete blieb übrig und keine goldene Türklinke.

 Besucher betrachten das Deckengemälde von Johann Babtist Grone in der original erhaltenen Schlosskapelle von Schloss Hubertusburg.
Besucher betrachten das Deckengemälde von Johann Babtist Grone in der original erhaltenen Schlosskapelle von Schloss Hubertusburg. FOTO: dpa / Jan Woitas

So mussten für die Sonderausstellung zum 300. Jubiläum der Fürstenhochzeit alle Exponate aus Dresden herangefahren werden. Sieben Museen der Staatlichen Kunstsammlungen haben Stücke beigesteuert, damit durch Hubertusburg wieder ein Hauch der Repräsentationskultur von einst wehen kann. Die Ausstellung versteht sich als Zeitreise in die Epoche des sächsischen Rokoko, „die weitgehend verschüttet wurde“, sagt Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer in Dresden. Dafür arbeiten die Ausstellungsmacher mit virtuellem Zauber. Video-Installationen werfen Original-Dekorationen in Räume, in denen nur gelbe Kachelöfen stehen. Immerhin die Beletage ist jetzt für Besucher zugänglich. Einige Räume wurden mit 100 Kunstwerken gefüllt. Die Stücke aus dem sächsischen Rokoko sollen in den höfischen Alltag des Ehepaars einführen.

Das Schloss war auch Militärlager, Lazarett und Zuchthaus

Zu sehen sind Stücke aus Silber und Porzellan, sogar eine bemalte königliche Sänfte wurde nach Hubertusburg gefahren. Prunkgewehre und Hirschfänger geben Zeugnis vom beliebtesten Sport der Zeit, der Parforcejagd. Viel Platz wurde seinerzeit gebraucht, um den kurfürstlichen Hof unterzubringen. Jagdpersonal, Waffen und Sättel brauchten Räume, dazu Hunde, Hundeburschen und Reitknechte. Später war das Schloss Militärlager, Lazarett und Zuchthaus. Das 19. Jahrhundert erbrachte Hubertusburg als „Versorgungshaus für weibliche Geisteskranke“ und als „Erziehungsanstalt für blödsinnige Kinder“. Heute werden Teile der Anlage als Klinik betrieben, andere dienen als Lager des Sächsischen Staatsarchivs. Hubertusburg als Touristenmagnet, das ist der Traum von Matthias Müller. Wermsdorfs Bürgermeister ist im Schloss aufgewachsen, wo sein Vater als Arzt tätig war. „Hubertusburg hat das Zeug zu einem sächsischen Sanssouci oder Neuschwanstein“, meint Müller. Auf dem weiten Weg dahin kann die Ausstellung zur Traumhochzeit ein Anfang sein.