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Sandstein aus Pirna für das Berliner Schloss

Kunsthandwerk mit "Sexappeal": Steinbildhauer Thomas Loch arbeitet an einem Kapitell für das Berliner Schloss.
Kunsthandwerk mit "Sexappeal": Steinbildhauer Thomas Loch arbeitet an einem Kapitell für das Berliner Schloss. FOTO: dpa
Pirna. Mit Schlössern kennen sich die Sächsischen Sandsteinwerke aus. Ob nun Schloss Christiansburg in Kopenhagen, Schloss Braunschweig oder das Dresdner Residenzschloss – sie alle bauen auf Stein aus Pirna. Jörg Schurig

Dem Tal der Tränen folgt ein Aufstieg: Wer in diesen Tagen die Sächsischen Sandsteinwerke in Pirna besucht, kann schon Modelle für das neueste Prestigeobjekt der traditionsreichen Firma sehen. Die Sachsen liefern den Stein für das eigentliche Schmuckstück beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses.

Das Portal III unterhalb der Kuppel ist ein Hingucker. Schlossbaudirektor Johann Friedrich von Eosander hatte es um 1710 nach dem Vorbild des Konstantinsbogens in Rom errichten lassen. Die Schmuckelemente stammen aus dem Barock und aus Wilhelminischer Zeit.

"Das ist Kunsthandwerk", sagt Johannes Roßrucker, Geschäftsführer der Sandsteinwerke, nicht ohne Stolz. Roßrucker hat gut lachen. Vor ein paar Jahren war das noch anders. Im November 2012 hatte die Firma Insolvenz anmelden müssen. Sie war auf Rechnungen für ihre Arbeit am Potsdamer Landtag sitzengeblieben. Bei gut gefüllten Auftragsbüchern erfolgte binnen Jahresfrist die Sanierung. "Man hat uns wieder in die Freiheit entlassen", sagt der Chef. Allerdings blieben zunächst etwa 40 von gut 100 Mitarbeitern auf der Strecke. Seit Ende 2013 geht es aufwärts.

Inzwischen schreibt man wieder schwarze Zahlen. Der Personalbestand liegt heute bei 78, die Sandsteinwerke bilden wieder Lehrlinge aus - neben Steinmetzen auch Natursteinwerkmechaniker, die CNC-Maschinen beherrschen müssen.

Was die Sachsen von vielen in der Branche unterscheidet, ist der hohe Anteil bildhauerischer Arbeit. Dazu braucht man auch im 21. Jahrhundert noch gut ausgebildete Steinmetze, auch wenn es für die steinerne Massenfertigung schon eine erste Generation von Robotern gibt. Roßrucker attestiert dem Beruf auch heute noch "Sexappeal": "Wer kann schon von sich behaupten, Dinge zu machen, die in 200 oder 300 Jahren noch Bestand haben." Wer aktuell Lehrling in Pirna ist, kann sich zumindest zu den vielen Baumeistern des Berliner Schlosses zählen. So wie Azubis vor 15 Jahren noch an der Dresdner Frauenkirche und anderen bekannten Bauwerken mitarbeiteten.

Ronald Becher, Leiter für Verkauf & Vertrieb, ordnet den Großauftrag aus Berlin ein: "Die Lieferungen für das Schloss machen 20 bis 25 Prozent des Jahresumsatzes aus." Die Sandsteinwerke seien drauf und dran, in allen Kennziffern an das Niveau der Zeit vor der Insolvenz anzuknüpfen. 2015 wird ein Umsatz von sechs bis sieben Millionen Euro angepeilt. Viele Kunden hätten den Sandsteinwerken während ihrer Insolvenzphase die Treue gehalten, sagt Roßrucker. Auch mit Blick auf die Zukunft versuche man, die Zahl der Abnehmer möglichst groß zu halten und sich nicht von wenigen Großkunden abhängig zu machen: "Aus vielen Säckeln lässt sich besser Geld zählen."

Eine Sorge sind die Pirnaer von Natur aus los: Materialprobleme haben sie nicht. Auch nach jahrhundertelangem Abbau gibt es hier Sandstein wie Sand am Meer: "Das reicht noch für Generationen", sagt der Chef. Aus sechs Steinbrüchen gewinnt die Firma ihren Stein. Unterschieden wird in Postaer, Cottaer und Reinhardtsdorfer Sandstein - die Beinamen beziehen sich auf die Lagerstätten. Allein in Posta reichen die Vorräte noch mindestens 100 Jahre. Von dort stammt der härteste Sandstein. Er ist besonders wetterbeständig und erzielt den höchsten Preis. Für Bildhauerarbeiten eignen sich besser die beiden anderen Sorten. Am Berliner Schloss soll Reinhardtsdorfer verbaut werden.

Parallel laufen in Pirna Planungen in eigener Sache. Nachdem die Elbe-Hochwasser 2002 und 2013 das Werksgelände unter Wasser setzten, zieht man sich nun auf einen schon vorhandenen Standort im Hinterland zurück. Dort begann mit den Fleck & Illmert Sandstein und Marmorwerken 1896 die Firmengeschichte. 2016 wird der Betrieb also 120 Jahre alt.

Vielleicht ist bis dahin auch wieder ein Auftrag aus dem Ausland eingetroffen. Die Kontakte zu früheren Kunden pflegt man weiter. In einer Halle lagern noch Schleifsteine, die bis vor Kurzem für die Zuckerrohr-Produktion in Kuba geliefert wurden. In Pirna ist man auch für größere Aufträge aus Kuba und anderswo bereit.