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Sächsische Schweiz gegen Hochwasserbonus

„Wir brauchen keinen Hochwasserbonus. Einmal muss Schluss sein.“ Rathens Bürgermeister Thomas Richter mag nicht mehr darüber reden, wie es vor einem Jahr in dem Kurort in der Sächsischen Schweiz aussah. „Diese Erinnerungen werde ich nie wieder los“, sagt er. Von gudrun janicke

"Aber es sind meine. Damit will ich niemanden belasten."
Die von der Elbe durchzogene Sächsische Schweiz, seit dem 19. Jahrhundert beliebtes Ausflugs- und Erholungsziel, wurde vom Hochwasser schwer getroffen. Ein Schaden von 650 Millionen Euro entstand. Heute herrscht in der Idylle des Elbsandsteingebirges mit dunklen Schluchten und malerischen Felsen wieder fast Normalität.
"Die meisten touristischen Einrichtungen waren von der Flut nicht betroffen", stellt Klaus Brähmig, Vorsitzender des Tourismusverbandes Sächsische Schweiz, klar. In den Köpfen habe sich jedoch ein Horrorbild festgesetzt, das so nie stimmte. "Natürlich waren Städte teilweise überflutet, aber nicht die gesamte Sächsische Schweiz. Das normale Leben ist wieder da", sagt Brähmig. "An die Gästezahlen vor dem Hochwasser konnten wir aber noch nicht wieder anknüpfen." Das liege auch daran, dass heute jeder Cent dreimal umgedreht werde.
In Rathen freut sich Bürgermeister Richter über jedes Schild "Zimmer belegt" an Pensionen oder Hotels. "Es könnten aber mehr sein", meint er. Rathen, mit 500 Einwohnern eine der kleinsten Gemeinden Deutschlands, wird von der Elbe geteilt. "Mehr muss ich zum Thema Hochwasser nicht sagen."
In dem Ort zu Füßen des weltberühmten Felsmassivs der Bastei sind optisch die Wunden verheilt: Es gibt Vorstellungen auf der Felsenbühne Rathen, Restaurants sind offen, Ausflüge und Wanderungen in die herrliche Umgebung locken. Rathen, seit der Wende ein autofreier Ort, bewirbt sich jetzt um die Anerkennung als Luftkurort. "Hier bei uns gibt es Natur pur", lädt Richter ein. "Das Geld muss im Sommer verdient werden. Und der geht von Ostern bis Oktober."
In Bad Schandau ist Bürgermeister Andreas Eggert über die Überziehung eines seiner Etatposten froh. "Zur Wiedereröffnung eines Restaurants oder Geschäfts nach Beseitigung der Flutschäden nehme ich ein paar Blumen oder eine Flasche Wein mit", erzählt er. Damit wird dem Inhaber für seinen Willen gedankt, wieder weiterzumachen. Wie in der Konditorei am Marktplatz gibt es in der Stadt nahe der Grenze zu Tschechien Schilder im Schaufenster: "Wir sind wieder aufgetaucht".
In Eggerts Büro klingelt das Telefon. "Nein, es liegt kein Schlamm mehr auf den Straßen. Wir haben schon lange wieder Strom. Kommen Sie her, es ist noch schöner als im vergangenen Jahr", wirbt er. Auch er will an den 16. August 2002 nicht immer wieder erinnert werden, als der Stadtkern mehrere Meter unter Wasser stand. "Was war, muss in unseren Herzen bleiben." Es habe keinen Sinn auf der Mitleidswelle zu schwimmen. "Ein Tourist kommt hierher, weil er sich erholen will - nicht um alte Pegelstände zu studieren", weiß Eggert.