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Sachsens Landtag schaut Luther aufs Maul

An Martin Luther scheiden sich noch immer die Geister – auch im sächsischen Landtag.
An Martin Luther scheiden sich noch immer die Geister – auch im sächsischen Landtag. FOTO: dpa
Dresden. CDU und SPD haben zu einer Debatte über den großen Reformator gela den. Da fliegen viele Per len vor die Säue, ohne dass klar wird, was das Ganze soll. Christine Keilholz / ckz1

Der Linke René Jalaß, Neuling im Landtag, versuchte sich gleich selbst als Reformator. "Dem Volk aufs Maul schauen", so hieß diese Debatte im Landtag, angesetzt von den Regierungsfraktionen. Jalaß nahm das ernst und tönte am Pult im Hohen Hause, CDU und SPD sollten doch endlich aufhören, die Leute zu "verarschen". So ein böses Wort, da war Landtagspräsident Matthias Rößler ganz baff. Sollte er den frechen Linken vor die Tür setzen? Für vogelfrei erklären? Seine Junker auf ihn hetzen? Rößler beließ es schließlich bei einer Standpauke: "Ihr Auftritt hier ist parlamentarisch unangemessen." Und ließ den 34-Jährigen mit den krassen Tattoos unbehelligt ziehen.

Eine Landtagsdebatte über Martin Luther, noch dazu im Lutherjahr, ist so oder so eine Veranstaltung von heiligem Ernst. Quer durch alle Lager überbietet man sich mit Hobby-Theologie, mit Bibelfestigkeit und Bescheidwisserei über das Leben des Reformators. Der entlaufene Augustiner-Mönch, der 1483 in Eisleben geboren wurde, der 1521 in Worms vor dem Kaiser standhielt und 1546 wiederum in Eisleben die Augen schloss, machte in seinem langen Leben viele Sprüche. Und sich selbst in diesem Zuge auch um die deutsche Sprache verdient. Was er der Politik von heute Hilfreiches zu sagen hat, da waren die Fraktionen im Landtag dann aber nicht so einig.

René Jalaß, der konfessionslose Sozialarbeiter aus Leipzig, hält von lutherschen Werten nicht so viel. Wichtiger seien doch "Humanismus, Toleranz, Humanität und Zivilcourage", meinte der Linke, und das "geht alles auch ohne religiösen Kladderadatsch".

Die bürgerliche Replik darauf kam vom CDU-Mann Alexander Krauß. Man höre aus solchen Worten ebenjene Religionsfeindlichkeit alter DDR-Prägung heraus, "die wir heute Gott sei Dank überwunden haben", so der 41-jährige Familienvater aus Schneeberg, der demnächst in den Bundestag will.

Was würde Luther zu den politischen Debatten der Jetztzeit sagen? Es braucht "wieder zeitgemäße Orientierungsmodelle", stellte die SPD-Abgeordnete Iris Raether-Lordiek fest: "Die Menschen sind anfällig für Populisten, die vorgeben, dem Volk aufs Maul zu schauen, sie aber für ihre Zwecke instrumentalisieren", beklagte die 56-jährige Textil-Fachfrau aus Limbach-Oberfrohna.

Martin Modschiedler, CDU-Abgeordneter und Rechtsanwalt in Dresden, betonte: Dem Volk aufs Maul schauen, heißt "nicht einfach dem Volk nach dem Munde reden" und vor allem keine "larifari-populistischen Feinbilder" zu pflegen.

Die Grüne Franziska Schubert fand es gar nicht gut, "wenn wir durch eine vermeintliche Aktualisierung das Schaffen und Wirken Luthers banalisieren".

Und für die AfD-Fraktion bewies Kirsten Muster, Rechtsanwältin aus Moritzburg, einmal mehr viel kirchenhistorisches Konversationswissen - ohne dass klar wurde, was sie sagen wollte.

Was bleibt übrig vom Gespräch? Vielleicht ein Luther-Bier nach Feierabend. Und die Erkenntnis, dass in der sächsischen Staatsregierung Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) für Lutherfragen zuständig ist. Und die kann das Gerede von "religiösem Kladderadatsch" nun überhaupt nicht nachvollziehen.