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| 18:29 Uhr

Sachsen
„Ich kam mir da schon als Dekoration vor“

Aus Sicht von Petra Köpping müssen Frauen in Spitzenpositionen permanent nachweisen, dass sie es können.   
Aus Sicht von Petra Köpping müssen Frauen in Spitzenpositionen permanent nachweisen, dass sie es können.   FOTO: Arno Burgi / dpa
Dresden. Sachsens Integrationsministerin über Frauen in der Politik und „Gedöns“

Als Frau in der Politik musste sie sich von Kollegen schon viel Mist anhören. Als Ministerin für Integration hat sich Petra Köpping das Zuhören zur Aufgabe gemacht. Frauen im Job, sagt sie im RUNDSCHAU-Interview, sind flexibler und blicken weiter. Kein Wunder, denn sie müssen immer noch einen Deut besser sein als Männer, um zu bestehen.

Frau Köpping, die berühmte gläserne Decke, die Frauen von der Macht abhält. Gibt es die wirklich?

Köpping Ja, Frauen stoßen daran, wenn sie in eine höhere Position kommen. Als Politikerin habe ich auch ein gewisses Beäugen bemerkt durch die männlichen Kollegen: Kann die das überhaupt? Ich wage zu behaupten, Frauen müssen immer noch einen Deut besser sein als Männer, wenn sie sich behaupten wollen.

Ist das so schlimm? Denn das heißt ja, sie sind am Ende besser.

Köpping Schon, aber Frauen stehen dadurch auch unter großem Druck. Sie müssen permanent nachweisen, dass sie es können. Die gläserne Decke spielt bei politischen Ämtern nicht die Rolle, denn das sind ja Wahlämter. Da gibt es keine Quoten, da hilft nur Überzeugung. Als Frau mit Familie habe ich in solchen Positionen sogar einen Vorteil. Anders ist das in der Wirtschaft. Eine Studie hat ergeben, dass die wenigen Frauen, die es in den Vorstand eines Dax-Unternehmens geschafft haben, meist unter 30 waren, blond und schlank. Die waren auch nie länger als ein Jahr da. Da wurde sicher nicht nach dem Leistungsprinzip ausgewählt.

Die Frau als Dekoration?

Köpping Ganz klar. Es ist ja auch angenehm, junge Frauen am Tisch sitzen zu haben. Aber von da geht es oft nicht weiter. Einerseits wollen Männer sich die Konkurrenz durch Frauen ersparen. Andererseits geht es da um gut bezahlte und gesellschaftlich hoch anerkannte Positionen, die gibt man nicht so gern preis. Ich habe mir das früher als Bürgermeisterin und Landrätin auch öfter anhören müssen: Es ist immer schön, wenn Sie da sind, da gibt es auch mal eine Abwechslung im Bild. Ich kam mir da schon als Dekoration vor, obwohl ich durch eine Wahl in mein Amt gekommen war.

In der Politik sind bestimmte Bereiche traditionell weiblich. Es gibt Ministerinnen für Gesundheit, Familie, Soziales, Bildung. Irgendein Polit-Häuptling nannte diese Bereiche mal unfreundlich „Gedöns“.

Köpping Wir erleben aber, dass solche Bereiche inzwischen Wahlen entscheiden. Themen wie Gesundheit und Bildung greifen auch viel weiter aus. Früher spielten die harten Faktoren für Ansiedlungen von Unternehmen die entscheidende Rolle. Mittlerweile, wo Fachkräfte fehlen, werden die weichen Faktoren wichtiger. Wie das Umfeld ist in einer Stadt, in die ich ziehen will? Sowas entscheidet, ob jemand in eine Region kommt oder nicht. Wenn wir überlegen, wie wir mehr Ärzte aufs Land holen, dann müssen wir auf Kinderbetreuung, Anbindung, Schulweg achten. Denn die machen am Ende den Erfolg. An weichen Faktoren hängt die Entwicklung ganzer Regionen. Deshalb kann man schon sagen, das sogenannte Gedöns ist inzwischen die eigentliche Politik geworden.

Wann, meinen Sie, gibt es mal eine Innenministerin?

Köpping Oder eine Finanzministerin. Frauen würden sicher viele Entscheidungen anders treffen, gerade, wenn es um Sicherheit und Polizei geht. Auch in einem Heimatministerium, das ja jetzt Horst Seehofer bekommt, würde eine Frau ganz andere Akzente setzen als ein Mann, der Heimat sicher ganz anders definiert. Trotzdem sind Frauen festgelegt und letztlich auch beschränkt auf bestimmte Themen. Deswegen ist es wichtig, dass man darüber spricht. Damit Frauen, die Positionen und Chancen für sich einfordern, auch merken, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Wir müssen sowas in die Selbstverständlichkeit führen, damit es irgendwann normal wird.

Brauchen wir heute noch einen Feminismus?

Köpping Kommt drauf an, was man darunter versteht. Wenn man sagt, dass es da um nichts anderes geht als um Gleichstellung von Mann und Frau, dann verstummt das Gemecker an einem Reizbegriff wie „Feminismus“ sehr schnell. Ich glaube, dass wir Feminismus durch einen ausgeprägten, radikalen Feminismus sehr schnell in eine Ecke schieben, wo er nicht hin sollte. Mir geht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mir geht es nicht darum, Männlichkeit und Weiblichkeit abzuschaffen, wie immer wieder geunkt wird.

Die Gleichstellungsbeauftragte beim Bund will die Nationalhymne umdichten, weil ihr „Vaterland“ und „brüderlich“ zu wenig weiblich sind. Ist das Feminismus heute?

Köpping Nein, mit solchen Aktionen stoßen wir die Leute vor den Kopf. Wir verlieren dadurch eher gesellschaftliche Anerkennung als dass wir sie gewinnen. Wir haben bei der Gleichstellung ganz andere Probleme: Dass die Frau, die an der Kasse im Supermarkt Schwerstarbeit leistet, weniger verdient als der Hausmeister. Wir müssen die Gesellschaft öffnen für solche Themen und nicht durch so eine Art von Diskussion schließen.

War die Arbeitswelt der DDR frauenfreundlicher?

Köpping Das ist eine Mär, dass Frauen in der DDR leichter in Führungspositionen kamen. Aber es gab mehr Naturwissenschaftlerinnen, Ingenieurinnen als heute. In solchen Berufen sind Frauen heute weniger unterwegs. Insgesamt gibt es mittlerweile durchaus ein Rollback, dass man propagieren möchte, dass Frauen an den Herd gehören. Die AfD zum Beispiel propagiert das klassische Bild der Frau, die sich um Kinder und Haushalt kümmert. Wenn das jemand machen will, dann bitte. Ich finde es falsch, Leute zu etwas zu zwingen. Familien müssen selbst entscheiden, wie sie sich organisieren.

Mit Petra Köpping
sprach Christine Keilholz

(ckz)