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| 14:14 Uhr

Medizinische Versorgung
„Wo früher ein Arzt war, brauchenwir heute zwei“

Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) will die großen Herausforderungen der medizinische Versorgung auf dem Land meistern.
Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) will die großen Herausforderungen der medizinische Versorgung auf dem Land meistern. FOTO: dpa / Jan Woitas
Dresden. Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) plädiert für gute Qualität der medizinischen Versorgung auf dem Land. Für Patienten bedeute dies auch weitere Wege.

Mediziner aufs Land zu bekommen, ist heute schwieriger denn je. Sachsen versucht es mit Landarztstipendien und mehr Studienplätzen. Trotzdem werde in Zukunft nicht mehr überall jedes medizinische Angebot gebraucht, sagt Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU). Denn der Patient nehme für bessere Qualität immer öfter den weiteren Weg in Kauf.

Frau Klepsch, die medizinische Versorgung auf dem Land ist die große Herausforderung für die nächsten Jahre. Wie gehen Sie die an?

Klepsch Wir haben ein Gutachten auf dem Tisch liegen, das die niedergelassenen Ärzte analysiert. Dabei richten wir den Blick schon ins Jahr 2030. Wir schauen da nicht nur auf die Ärzte und wie alt sie sind, sondern auch auf die Bevölkerung. Da wird deutlich, wie sich die Regionen entwickeln. Leipzig entwickelt sich stark nach oben, dort brauchen wir Kinderärzte.

Dagegen werden in einigen Regionen wie im Erzgebirge bestimmte Fachärzte in Zukunft weniger nachgefragt sein. Der Altersschnitt der Ärzte auf dem Land liegt deutlich über 55 Jahren. Da sieht man schnell, welche Ärzte in zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Wir müssen das gemeinsam mit den Partnern, allen voran mit der Kassenärztlichen Vereinigung und der Sächsischen Landesärztekammer, anpacken.

Macht Ihnen das Angst?

Klepsch Angst nicht, denn mit Angst ist man in der Politik schlecht beraten. Aber die aktuelle Situation zeigt, was unsere Aufgabe ist. Wir können leider nicht so steuernd eingreifen, wie wir es manchmal wöllten. Wir können dem frisch ausgebildeten Mediziner nicht vorschreiben, dass er in Weißwasser gebraucht wird und nicht in Leipzig, wo er gern arbeiten will. Zu DDR-Zeiten hat man gelenkt, das ist zum Glück nicht mehr so, und das wäre auch verfassungsrechtlich nicht möglich. Aber eine gewisse Steuerung brauchen wir dennoch.

Das geht aber höchstens durch Anreize.

Klepsch Ja, deswegen setzen wir Anreize. Seit sieben Jahren nehmen wir in Sachsen Geld in die Hand, um die Ärzteversorgung anzugehen. Wir waren damit deutschlandweit Vorreiter. Erst haben wir Stipendienprogramme aufgelegt, dann Studienplätze in Ungarn finanziert. Wir finanzieren 20 Stipendien im Jahr für Medizinstudenten, wenn sie sich nach Abschluss ihres Studiums im ländlichen Raum niederlassen. Das nächste Thema wird die Landarztquote. Für uns heißt das, wir müssen sehen, wie von den 560 Studienplätzen, die wir in Sachsen pro Jahr besetzen, künftig mehr Ärzte im ländlichen Raum ankommen.

Hilft es da wirklich, die Voraussetzungen fürs Medizinstudium runterzusetzen?

Klepsch Wenn Zahnärzte aus dem Erzgebirge mir erzählen, die Tochter soll die Praxis übernehmen, bekommt aber mit ihrem Abitur von 1,6 keinen Studienplatz, dann ist das bitter. Wir müssen uns fragen, ob wir das wirklich wollen. Klar brauchen wir die Medizinstudenten mit Abi­turnote 1,0. Aber ob diese dann vor dem Patienten auch immer die Besten sind, das ist die zweite Frage. Da müssen auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Wenn jemand schon eine Krankenschwesterausbildung hat, dann muss das stärker berücksichtigt werden.

Medizinstudenten haben heute andere Lebensträume als früher. Die Praxis in der kleinen Stadt gehört nicht mehr unbedingt dazu. Wie kann der Staat da überzeugen?

Klepsch Zuerst sind die Mediziner selber auch Botschafter ihres Berufs. Wir können uns noch so tolle Programme einfallen lassen oder vor der Uni Stände aufbauen. Die Ärzte, die auf dem Land tätig sind, müssen positiv über ihren Beruf sprechen, der ein sehr schöner Beruf ist. Natürlich ist dieser Beruf auch herausfordernd, man verliert im Tagesgeschäft oft den Blick für das, was schön ist an dem Beruf.

Wollen sich deshalb nicht mehr so viele Ärzte niederlassen?

Klepsch Es streben immer mehr Ärzte in die Anstellung. Bei einem anderen Arzt oder in einem Versorgungszentrum. Das ist eine Realität, der wir uns stellen müssen. Für viele niedergelassene Ärzte heißt das allerdings, dass es mit der Nachfolge für ihre Praxis schwierig wird. Wir befinden uns wieder auf einem Weg hin zu dem, was früher die Poliklinik war. Wir sprechen heute von Versorgungszentren, ich halte das für ein gutes Konstrukt. Das bedeutet, dass die Gemeinden eigene Versorgungszentren bauen und dort Ärzte anstellen oder eine Praxis vermieten. Wenn dort mehrere Ärzte zusammenarbeiten, reicht es, wenn einer den bürokratischen Aufwand übernimmt.

Viele Ärzte wollen in Teilzeit arbeiten. Was bedeutet das für das System?

Klepsch Wer sich heute selbstständig macht, setzt ein anderes Verhältnis zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf an. Heute arbeiten die wenigsten Ärzte 60 oder 80 Stunden, weil sie vielleicht mehr Zeit mit ihren Kindern haben wollen. Für uns ist damit auch klar, dass wir in Zukunft nicht einen Arzt durch einen anderen ersetzen können. Wo früher ein Arzt war, brauchen wir heute zwei. Drei Viertel aller Medizinstudenten sind Frauen – die natürlich auch Kinder bekommen und länger in Teilzeit bleiben. Dafür brauchen wir deutlich mehr Ärzte.

Wir messen Versorgung immer noch sehr lokal, leben wir doch dank Auto und guten Straßen in größeren Räumen als vor 30 Jahren. Muss man da nicht auch das Angebotsnetz neu denken?

Klepsch Es gibt natürlich auf dem Land die, die mobil sind. Aber es gibt eine ältere Bevölkerung, die nicht mehr so mobil ist. Gerade dort, wo der Nahverkehr auch nicht so gut ausgebaut ist, brauchen wir medizinische Versorgungsstrukturen. Da braucht es auch den Arzt in der näheren Umgebung. Wir denken gerade über Patientenbusse nach, um ältere Leute flexibel zum Arzt zu bringen. Das testen wir in zwei Modellregionen in Weißwasser und Marienberg. Dabei wird deutlich: Die Grenze zwischen stationär und ambulant muss aufgebrochen werden. Auf der anderen Seite entscheidet der Patient natürlich für sich selbst. Und da entscheiden sich immer mehr eher für die Qualität als die Erreichbarkeit.

Welche medizinischen Leistungen betrifft das?

Klepsch Entbindung ist so ein Thema, da ist die Erreichbarkeit nicht das schlagende Argument. Die werdenden Eltern schauen sich die Geburtsstationen an, ob es da eine Wanne für Wassergeburten gibt, auch wenn da nie einer rein geht. Wir sehen auch hier deutlich, dass sich die Menschen vor allem für die Qualität entscheiden. Es braucht eine bestimmte Anzahl von Geburten, damit auch das Fachpersonal da ist – die Hebamme und der Kinderarzt. Wenn ein Krankenhaus keine Kinderstation mit dran hat, fahren viele angehende Eltern lieber weiter in die Krankenhäuser, wo es eine gibt. Bei der Erreichbarkeit sind wir jedenfalls gut, denn von den 78 Krankenhäusern im Freistaat Sachsen hat jedes zweite eine Entbindungsstation. Wenn aber eine schließen muss, wie wir es in Bischofswerda oder Oschatz hatten, dann, weil es dort nicht genug Geburten gab.

Trotzdem kämpfen die Städte verständlicherweise um ihre Geburtsstationen.

Klepsch Das ist auch eine emotionale Reaktion. Zu einem Krankenhaus in einer Stadt gehört eine Notaufnahme und eben eine Geburtsstation, wo Kinder das Licht der Welt erblicken. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es heute mehr Möglichkeiten gibt, ein Kind zur Welt zu bringen. Hausentbindungen zum Beispiel, jeder soll das selbst entscheiden können. Auch da müssen wir die Qualität sichern. Wenn eine Hebamme mindestens vier Entbindungen im Jahr braucht für ihren Versicherungsstatus, dann halte ich das für vertretbar. Vier sind schon notwendig, um in der Routine zu bleiben.

Mir Barbara Klepsch
sprach Christine Keilholz