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Rückkehr in Grundschule unerwünscht

Wenn es nach den Schülern geht, soll Sachsen beim aktuell geltenden Unterrichtsmodell bleiben.
Wenn es nach den Schülern geht, soll Sachsen beim aktuell geltenden Unterrichtsmodell bleiben. FOTO: dpa
Dresden. Der sächsische Landesschülerrat macht eine Umfrage über das längere gemeinsame Lernen bis zur Klasse 6. Und muss feststellen: Die Schüler wollen es nicht. 56 Prozent der Mädchen und Jungen votierten dagegen. Christine Keilholz / ckz1

Mehr als 74 000 Schüler hat der Landesschülerrat befragt für seinen ersten großen Schülerentscheid nach 22 Jahren. In rund der Hälfte aller sächsischen Schulen stellte der Schülerrat eine einfache Frage: "Sollte die Grundschulzeit auf sechs Jahre verlängert werden?" Die Antwort war durchaus überraschend. Die Mehrheit der Schüler sagte: Nein. Nur 44 Prozent der befragten Schüler sind demnach dafür, die Grundschule um zwei Jahre zu verlängern. 56 Prozent votierten gegen das längere gemeinsame Lernen und geben damit dem geltenden sächsischen Modell den Vorzug. Ein Ergebnis, das die Macher der Studie dann doch konsterniert zurückließ.

"Die Schüler haben uns einen klaren politischen Auftrag erteilt", kommentierte Landesschülersprecher Friedrich Roderfeld, "eine generelle Ausweitung der Grundschule auf die Klassenstufen 1 bis 6 ist nicht mehrheitsfähig." Die Schüler von Gymnasien und Oberschulen befürworten mehrheitlich vier, die Schüler von Berufsschulen sechs Jahre Grundschule.

Die Forderung nach dem längeren gemeinsamen Lernen gehörte zwar lange zu den bildungspolitischen Kernwünschen von eigentlich allen Fraktionen außer der Union. In der sächsischen Bildungsdebatte sind Konzepte wie die Gemeinschaftsschule indes längst als ein Ding von gestern ganz nach hinten gerutscht. Das CDU-regierte Sachsen hat sich schon früh gegen das Modell Gemeinschaftsschule entschieden.

Die SPD kam zwar in ihren fünf Jahren auf der Oppositionsbank immer mal wieder mit dem Projekt Gemeinschaftsschule um die Ecke, auch wenn sie das Wort vermied. Trotzdem einigten sich die Sozialdemokraten 2014 in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU auf die Kompromissformel, "durchlässige und anschlussfähige Bildungswege" zu garantieren.

Die Novelle des Schulgesetzes brachte voriges Jahr nochmal Schwung in das Thema. Da wollte die Linksfraktion mit einem eigenen Antrag das längere gemeinsame Lernen ins Schulgesetz aufnehmen. Die Linken forderten gar ein flächendeckendes System von Gemeinschaftsschulen bis zur Klasse acht. Schließlich zog die SPD die Gesetzesverhandlungen um Wochen in die Länge, um das Schulreformprojekt irgendwie noch voranzubringen. Scheiterte dann aber am beinharten "Nö!" der stärkeren CDU. Ergebnis: Denn die Regierungsfraktionen von CDU und SPD werden an den Grundfesten des zweigliedrigen sächsischen Schulsystems nicht rütteln.

Neu ist nun: Die Schüler wollen es auch nicht. Das machte Lothar Bienst an diesem Dienstag zu einem zufriedenen Mann: "Experimente gehören in den Physik-Unterricht, aber nicht ins sächsische Schulsystem", gab der Bildungssprecher der CDU-Landtagsfraktion den Schülern freundlich mit. CDU-Kultusministerin Brunhild Kurth - ganz Lehrerin - lobte die Initiative der Schüler und beließ es ansonsten bei dem knappen Kommentar, dass sie das Ergebnis "natürlich freut".

Grummeln dagegen bei der SPD, deren Bildungssprecherin Sabine Friedel konstatiert: "Wer mit dem System gut zurechtkommt und sich arrangiert hat, will es behalten." Die Grünen-Sprecherin Petra Zais verwies auf Studien, nach denen die Eltern mehrheitlich für das längere gemeinsame Lernen seien. Und darauf, dass immerhin 44 Prozent der Schüler dem Konzept etwas abgewinnen können.

Zum Thema:
Das lange SPD-regierte Bundesland bietet unterschiedliche Schulformen des längeren gemeinsamen Lernens: Gesamtschulen, Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen. Dort werden Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam unterrichtet. Der Unterricht soll sich an den individuellen Möglichkeiten jedes Kindes orientieren, so die Idee. Dass die rot-grüne Landesregierung allerdings im Mai die Landtagswahl verlor, hatte seine Ursache auch in der Unzufriedenheit mit dem Bildungssystem. Das Problem beim längeren gemeinsamen Lernen ist der empirische Nachweis, der bislang fehlt: Dass die Kinder mehr davon haben, ist nicht nachgewiesen. Ebenso wenig, dass so das Niveau des Unterrichts verflacht, wie viele Kritiker meinen.