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| 18:07 Uhr

Sachsen
Regionen hilft mehr Verantwortung und auch schnelles Internet

Sowohl Bitterfeld-Wolfen – hier die durch die Stadt führende B 100 mit Blick auf die evangelische Stadtkirche – als auch der Kreis Anhalt-Bitterfeld entstanden nach einer vom Land verordneten Reform. Zur Identifizierung der Einwohner mit ihrer Region hat das nicht beigetragen, kritisieren Forscher.
Sowohl Bitterfeld-Wolfen – hier die durch die Stadt führende B 100 mit Blick auf die evangelische Stadtkirche – als auch der Kreis Anhalt-Bitterfeld entstanden nach einer vom Land verordneten Reform. Zur Identifizierung der Einwohner mit ihrer Region hat das nicht beigetragen, kritisieren Forscher. FOTO: dpa / Sebastian Willnow
Wittenberg. Kein Bus, kein Arzt, kein Job – gerade im Osten haben ländliche Regionen mit Problemen zu kämpfen. Wie bleiben solche Gebiete lebenswert? Ein Forscher versucht eine Antwort.

Mehr Handlungsmöglichkeiten für die Verwaltung vor Ort und zuverlässiges, schnelles Internet sind einem Experten zufolge die besten Mittel, dünn besiedelte Regionen attraktiv zu halten. Die Breitbandversorgung müsse auch auf dem Land so schnell wie in einer Großstadt sein, sagte der Politikwissenschaftler Peer Pasternack von der Universität Halle-Wittenberg der Deutschen Presse-Agentur. Sonst bestehe keine Chance, dass sich wirtschaftliche Aktivitäten auch in Regionen entfalteten, die vielfach als abgehängt bezeichnet würden.

Wichtig sei zudem, den Gemeinden mehr Handlungsspielraum und Möglichkeiten zu geben. „Es gibt in der Verwaltung eine unselige Trennung zwischen Pflichtaufgaben und sogenannten freiwilligen Aufgaben“, sagte Pasternack. Viele Kultur- und Freizeitangebote zählten zu den freiwilligen Leistungen. Kommunen seien gezwungen, hier zuerst den Rotstift anzusetzen. „Dabei sind es auch gerade diese Leistungen, die solche Regionen lebenswert halten“. Viele Menschen hätten deshalb das Gefühl, die Zusammenhänge nicht mehr im Griff zu haben, die das eigene Leben bestimmten.

Pasternack ist Sprecher der „Expertenplattform Demografischer Wandel in Sachsen-Anhalt“. In dem Netzwerk haben sich Wissenschaftler der Universitäten und Hochschulen sowie weiterer Forschungseinrichtungen zusammengeschlossen. Sie wollen erforschen, mit welchen Lösungen und Strategien sich das Leben in von Abwanderung betroffenen Gebieten verbessern lässt. Viele Regionen in Ostdeutschland, vor allem in Sachsen-Anhalt, könnten hier bundesweit Vorreiter werden, sagte Pasternack. Denn Probleme, die dort auftreten, könnten bald auch Regionen im Westen erreichen. Wenn es im Osten dann bereits erfolgreiche Lösungsansätze gebe, könnten andere davon profitieren.

Peer Pasternack hat sich Anhalt-Bitterfeld stellvertretend für abgehängte Regionen angeschaut.
Peer Pasternack hat sich Anhalt-Bitterfeld stellvertretend für abgehängte Regionen angeschaut. FOTO: Jan Woitas / Pressestelle Uni Leipzig / Jan W

Doch was kennzeichnet sogenannte abgehängte Regionen? Pasternack zufolge sind das zum einen harte Faktoren wie eine geringe Wertschöpfung und eine Siedlungsstruktur mit vielen kleinen Dörfern - die Verwaltung sitzt weit weg in einer Kleinstadt. Dazu kommen aus Sicht des Experten noch weiche Faktoren wie eine zum Teil geringe Identifizierung mit der eigenen Region.

Als Beispiel nennt Pasternack den per Kreisreform vor zehn Jahren entstandenen Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Auf der einen Seite liege die Region Anhalt, auf der anderen die Region Bitterfeld. „Dazwischen ist die Autobahn, die A9.“ Es gebe keinerlei gemeinsame Identität. Die Folgen seien schwer zu messen, könnten sich aber in einem mangelnden Vertrauen in die Demokratie und eben jenem Gefühl des Abgehängtseins ausdrücken.

Der konsequente Ausbau des schnellen Internets ist für Pasternack Voraussetzung für alle weiteren Entwicklungen in diesen Regionen. Auch Angebote wie Rufbusse funktionierten nur dann gut, wenn die Technik die Route des Busses spontan anpassen könne, um möglichst viele Fahrgäste einzusammeln. Dazu müssten Fahrgäste aber übers Internet ihre Position und ihr Fahrtziel mitteilen können.

Pasternack sprach sich zudem dafür aus, bestehende Förderstrukturen auf den Prüfstand zu stellen. Derzeit werde zu sehr auf die Förderung einzelner Unternehmen gesetzt. Zuvor müssten jedoch die Rahmenbedingungen verbessert werden – eben zum Beispiel durch eine zuverlässige und schnelle Internetverbindung. Nachteilig sei auch eine „furchtbare Fördermittelbürokratie“, vor allem bei EU-Programmen. „Eine Vereinfachung wird den Kommunen seit 20 Jahren versprochen, aber bislang ist nichts passiert“, sagte der Wissenschaftler.