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| 18:07 Uhr

Alice Weidel und Anton Hofreiter in Weißwasser
AfD-Frontalunterricht, Debatte mit Hofreiter

 Anton Hofreiter (li.), Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion, setzte bei seinem Wahlkampfbesuch in der Telux-Hafenstube in Weißwasser auf Gespräche. Mit dabei: Grünen-Bundestagsmitglied Stephan Kühn (v.li.), Franziska Schubert von der Grünen-Landtagsfraktion und Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext).
Anton Hofreiter (li.), Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion, setzte bei seinem Wahlkampfbesuch in der Telux-Hafenstube in Weißwasser auf Gespräche. Mit dabei: Grünen-Bundestagsmitglied Stephan Kühn (v.li.), Franziska Schubert von der Grünen-Landtagsfraktion und Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext). FOTO: Joachim Rehle
Weißwasser. Auf den letzten Metern des Wahlkampfes werben AfD und Grüne mit ihren besten Leuten im Kohlerevier. Wirklich mitreißen können sie dabei nicht. Von Christine Keilholz

Am Ende dieses hoch politischen Dienstags sind alle auf ihre Kosten gekommen. Die Veranstalter des Demokratiefestes auf dem Markt packen ihre Stände zusammen. Sie haben spontan ein Fest mit 300 Gästen zum Laufen bekommen. Die Gäste der AfD im Telux-Saal in Weißwasser haben gehört, was sie hören wollten. Gleiches gilt für die Besucher der Grünen, die nebenan in der Hafenstube saßen.

Weidel gegen Hofreiter

Der Osten Sachsens steht im Endspurt des Landtagswahlkampfs im Fokus der Parteien. Besonders Weißwasser, wo sich dieser Tage Größen der Berliner Politik einstellen. Mit Spannung ist dieser Dienstagabend erwartet worden, wo die AfD-Frau Alice Weidel und der Grüne Anton Hofreiter gleichzeitig in der Telux auftreten. Zwei Fraktionsvorsitzende aus dem Bundestag, deren Parteien sich spinnefeind sind. Das bedeutet Konfliktpotenzial im Städtchen an der Struga. Aber am Ende verläuft der Abend doch ohne Zwischenfälle.

Weidels Zuhörer sind schon breit

Weidel weiß, wie sie sich Gehör verschafft. Als sie nach mehr als einer Stunde im vollen Saal endlich ans Pult tritt, fängt sie ganz leise an. Die mehr als 400 Versammelten sind da schon ein bisschen breit. Sie haben mehrere Vorträge hinter sich. Der örtliche AfD-Kandidat Roberto Kuhnert hat gegen die sächsische Regierung ausgeteilt.

Kuhnert, 55, ist am Vorabend dem Wahlforum der Landeszentrale für politische Bildung ferngeblieben. Der Debatte mit den Kandidaten stellte er sich nicht – mit der Begründung, er habe zu arbeiten. Er bevorzugt den Kreis der AfD-Familie im Telux.

Chrupalla ruft „Abschieben! Abschieben!“

 Voll war der Lichtersaal im Telux Weißwasser am Dienstagabend beim Wahlkampfauftritt der AfD, der etwas von Frontalunterricht hatte.
Voll war der Lichtersaal im Telux Weißwasser am Dienstagabend beim Wahlkampfauftritt der AfD, der etwas von Frontalunterricht hatte. FOTO: Joachim Rehle

Auch der Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla hat hier ein Heimspiel. Er wettert gegen Asylbewerber, für die „komischerweise immer Geld da“ sei, das dann den Rentnern und Kindern fehle. Der Applaus ist spärlich. Selbst als Chrupalla „Abschieben! Abschieben!“ ruft, geht der Saal nicht mit. Es ist auch zu warm hier, zu stickig, zu aufgeheizt.

Als dann der DDR-Dissident Siegmar Faust seine Lebensgeschichte erzählt, die ihn vom Marxismus bis hin zur AfD geführt hat, flüchten viele zum Bierstand.

Weidel sieht AfD als „die stärkste Kraft“

Weidel ist der Haupt-Act, angereist mit Bodyguards. Die 40-jährige ehemalige Geschäftsfrau aus Nordrhein-Westfalen lobt den Osten, wo die AfD „die stärkste Kraft“ sei. Das stimmt nicht ganz. Laut aktuellsten Umfragen liegt die CDU in Sachsen vier Prozent vor der AfD. In Brandenburg liegen die Alternative und die Regierungpartei SPD derzeit gleichauf. Weidel ficht das nicht an: „Ostdeutschland gibt uns Hoffnung, Hoffnung auf Veränderung.“ Da nimmt ihre Stimme Fahrt auf.

Durch die offenen Fenster schallen Weidels Tiraden gegen die Bundesregierung und die „Figuren, die im Bundestag sitzen“ ins Freie. Die Beamten unten im Streifenwagen können ganz gut mithören. Sie sind da, um die Straße zu bewachen, die nahezu menschenleer bleibt.

Bei den Grünen ist mehr Debatte

Drüben bei den Grünen sitzt es sich kühler. Hofreiter hat sein Gastspiel in der gemütlicheren Ecke des Telux-Geländes. In die Hafenstube sind gut 80 Leute gekommen. Sie wollen hören, wie die Partei, die vor kurzem noch in der Kohleregion als unwählbar galt, die Lausitz nach vorn zu bringen gedenkt.

Hofreiter ist ein trockener Typ, nicht gerade der Publikumsliebling seiner Partei. Aber er hat ein bekanntes Gesicht und die sicherlich bekannteste Frisur des Parlaments. In der Hafenstube flätzt man in Lounge-Sesseln. Selbst auf dem Podium, wo auch Weißwassers OB Torsten Pötzsch (Klartext) Platz genommen hat.

Hofreiter wirbt für Windräder

Bei den Grünen ist mehr Debatte – bei der AfD Frontalunterricht. Hofreiter redet über das Klima, und das auf bayerisch. Wenn man in Weißwasser über den Tagebau Nochten blickt, sagt er, „dann kann man sehen, was der Mensch dem Planeten antut“. Er wirbt für Windräder, die „nicht immer schön“ seien, aber eben wichtig.

Der Dresdner Bundestagsabgeordnete der Grünen, Stephan Kühn, äußert die Sorge, dass das Strukturpaket, das die Bundesregierung für die Braunkohlereviere schnüren will, am Ende „zu infrastrukturlastig“ ausfallen könnte. „Es riecht danach, dass wir wieder eine Leuchtturmpolitik bekommen.“

Die Landtagsabgeordnete Franziska Schubert hält es für wichtig, dass die Strukturmaßnahmen für die Lausitz „das, was die Menschen erwarten, nicht enttäuschen“. Aber hey, es gehe doch etwas in der Region. Schubert, die aus Weißwasser stammt, hätte vor Jahren nicht gedacht, dass die Stadt mal einen City-Beach bekommen würde.

Die Grünen-Debatte bleibt gelassen, plauschig und ohne Höhepunkte. In den Sesseln bei schummrigem Licht dämmert es sich leicht weg. Ein paar Gäste brechen auf, um bei der AfD reinzuschauen.

Ein Wähler sagt, die Grünen langweilen ihn, die AfD schreckt ihn ab

Wie der Krankenpfleger, der mit seinen Töchtern gekommen ist. Die Grünen langweilen ihn irgendwie, sagt er. Die AfD schreckt ihn ab, aber er findet es „schlimm genug, dass es erst so eine Partei wie die AfD geben muss, damit konservative Werte mal wieder etwas gelten“.

OB Pötzsch war schon am Nachmittag zufrieden. Beim Fest auf dem Markt, das CDU, SPD, Linke und Grüne organisiert hatten, warb der parteilose Rathauschef für „mehr Toleranz im Umgang miteinander“. Im Großen und Ganzen ist das gelungen.