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Pensionopolis als Chance für Görlitz

„Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Gründerzeitviertel in unserer Stadt in ihrer Struktur erhalten können.“ Der Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick (CDU) gibt sich betont optimistisch, wenn es um eine der wichtigsten städtebaulichen Besonderheiten seiner Stadt geht: die sich wie ein Ring um die Altstadt schmiegenden Wohnviertel vom Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Von uwe menschner

Erst kürzlich, so der Oberbürgermeister, ärgerte er sich sehr über einen Fernsehbeitrag des MDR, der die Sachlage sehr einseitig dargestellt habe. "Dieser Beitrag befasste sich ausschließlich mit den Problemfällen, die es zweifellos gibt", so Joachim Paulick. Von bis zu 200 einsturzgefährdeten Häusern war da die Rede: "Diese Zahl ist nicht übertrieben. Dennoch wurde ungerechtfertigter Weise der Eindruck vermittelt, dass es in unseren Gründerzeitvierteln nur Verfall und keinen Neuaufbau gibt. Dem trete ich entschieden entgegen", so das Görlitzer Stadtoberhaupt.
Das beste Beispiel ist für Joachim Paulick der 1. Preisträger des von der Arbeitsgemeinschaft Historische Städte ausgelobten Wettbewerbes um die gelungenste Sanierung: Das Gebäude Grüner Graben 3 stellt laut Jury ein "Musterbeispiel" für den Erhalt und die Neunutzung historischer Bausubstanz aus der Gründerzeit dar. "In dieser Arbeitsgemeinschaft hat sich Görlitz mit Stralsund, Bamberg, Regensburg, Lübeck und Meißen zusammengeschlossen", erklärt Paulick. "Alljährlich werden in jeder dieser Städte besonders gelungene Sanierungsprojekte ausgezeichnet."
Errichtet wurde das Gebäude Grüner Graben 3 in den Jahren 1885/86 durch den Urgroßvater des heutigen Besitzers Jürgen Knoblau aus Braunschweig. "1903 gründete sich in dem Haus die Görlitzer Mormonengemeinde", plaudert dieser aus der Geschichte.
Die wichtigsten baulichen Veränderungen musste die Erbengemeinschaft Knoblau hinsichtlich der Wohnungsgrößen vornehmen, da "Größen von 180 Quadratmetern heute kaum vermietbar sind." Im Erdgeschoss hielt ein Seniorentreff Einzug, eine der Wohneinheiten wurde an eine Senioren-WG vermietet. "Ich denke, dass Görlitz wieder zu einem ‚Pensionopolis' wird", bekennt Jürgen Knoblau, der selbst einen großen Teil des Jahres in der Neißestadt verbringt.
Die um bis zu 20 Prozent niedrigeren Lebenshaltungskosten im Vergleich zu Westdeutschland würden verstärkt Pensionäre anlocken - wie schon einmal zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Görlitz diesen Beinamen erhielt.
Und darin könnte durchaus eine Chance für die Gründerzeitviertel liegen - "seit zwei Jahren verzeichnen wir hier wieder mehr Zu- als Wegzüge", betont Oberbürgermeister Joachim Paulick.