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Ostsachsen kämpft um Bombardier

Bombardier investiert in Bautzen
Bombardier investiert in Bautzen FOTO: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild)
Bautzen/görlitz. Je näher der 29. Juni rückt, umso mehr Sorgen machen sich Mitarbeiter und Betriebsräte der beiden ostsächsischen Bombardier-Standorte um ihre Zukunft. Sascha Klein

Dann will der Schienenfahrzeug-Hersteller Eckpunkte für die Neuausrichtung vorlegen. Vor allem die Werke in Bautzen und Görlitz mit ihren rund 1000 und 1900 festangestellten Beschäftigten könnte das empfindlich treffen.

Im Gespräch ist, die Serienfertigung in Bautzen zu konzentrieren. Der Standort Görlitz soll sich auf Aluminium-Wagenkästen spezialisieren. Der Brandenburger Standort Hennigsdorf (Kreis Oberhavel) soll nach Bombardier-Vorstellungen für die Entwicklung und den Bau von Prototypen und Testfahrzeugen zuständig sein.

Für Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Ostsachsen, ist dieser Plan alles andere als zukunftsträchtig: "Die Alu-Sparte würde für Görlitz nicht reichen. Es gibt kaum Alu-Rohbauaufträge. Für Görlitz würde das ein Sterben auf Raten bedeuten." Zurzeit ist der Standort Görlitz das Bombardier-Kompetenzzentrum für die Fertigung von Doppelstockzügen. Dieses Kompetenzfeld drohen die Görlitzer durch den Konzern-Umbau zu verlieren.

Dabei wollen sich IG Metall und Betriebsräte einer Modernisierung der Standorte nicht verschließen, ganz im Gegenteil. "Wir befürworten natürlich eine Digitalisierung 4.0 - aber ohne Personalkahlschlag", sagt Otto. Bombardier plant zurzeit, weltweit 5000 Jobs zu streichen. Allein in Deutschland arbeiten rund 8500 Beschäftigte für den Schienenfahrzeug-Hersteller.

Um auch die ostsächsischen Standorte und auch deren Know-how zu retten, hat der Bombardier-Aufsichtsrat im Mai dieses Jahres ein Alternativkonzept vorgelegt. Über Details will IG Metall-Mann Jan Otto nicht reden - auch um die Bombardier-Spitze nicht zusätzlich in die Ecke zu drängen. Nur soviel: Ziel sei es, so viel Wissen und Arbeitsplätze wie möglich an den Standorten Bautzen und Görlitz zu behalten. "Wir sind zuversichtlich, haben aber auch berechtigte Befürchtungen", so Otto. Denn die Konzernspitze Bombardiers habe in letzter Zeit sehr kurzfristig agiert.

Auch Gerd Kaczmarek, Betriebsratsvorsitzender am Bombardier-Standort Bautzen fürchtet um die Zukunft des Schienenfahrzeugsbaus in Ostsachsen: "Wir haben hier immer eine breite Fertigungstiefe gehabt, also von der Entwicklung bis zur Produktion gearbeitet. Jetzt hat der Konzern vor, dass wir uns spezialisieren - wie in der Autoindustrie." Darin sieht Kaczmarek eine große Gefahr, denn dann würden die Bautzener ihre Straßenbahn-Kompetenz verlieren. Zurzeit ist das Werk in Bautzen Bombardiers Kompetenzzentrum für Stadt- und Straßenbahnen. Der Standort in Ost-sachsen liefert weltweit, unter anderem nach Australien, Spanien, England und Schweden. "Mit dem Alternativkonzept versuchen wir, das Konzept des Unternehmens aufzuweichen", sagt Gerd Kaczmarek. Ob das gelingt, scheint zurzeit jedoch völlig offen.

In dieser Woche hat Bombardier den Grundstein für eine neue Endmontagehalle in Bautzen gelegt. Kostenpunkt: acht Millionen Euro. Laut Kaczmarek ersetzt diese eine alte Halle, die zuvor abgerissen worden war. In der neuen Endmontagehalle sollen drei Fahrzeugtypen parallel gebaut werden können. Sollte Bautzen künftig die Serienfertigung erhalten, würde diese Halle auch ins neue Konzept passen. Der Konzern hat angekündigt, in den kommenden zwei Jahren 20 Millionen Euro in Bautzen zu investieren.

Am Donnerstag haben IG Metall-Vertreter und Betriebsräte die Möglichkeit gehabt, ihre Sorgen an Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) heranzutragen. Anschließend sagte die Ministerin: "Es gibt die Zusage von Bombardier, mit der Bundesregierung zu sprechen, wenn es klare Pläne gibt. Im Moment ist noch alles im Fluss." IG-Metall-Bevollmächtigter Jan Otto ist nach dem Gespräch mit Zypries weiter hoffnungsvoll: "Wir erwarten, dass sich der Arbeitgeber an das Alternativkonzept des Aufsichtsrates hält. Ziel ist es, beide Standorte zu erhalten und zukunftssicher zu machen."

Sollte der Konzern an den bisherigen Planungen festhalten, hält Jan Otto Streiks für möglich. Er betont, dass ein Ausstand über zunächst einen Tag im Bereich des Denkbaren liegt.

Zum Thema:
Der Konzern Bombardier Transportation mit Firmenzentrale in Berlin unterhält in Deutschland sieben Standorte, unter anderem in Bautzen und Görlitz sowie in Hennigsdorf nahe Berlin.Am Standort Bautzen werden Stadt- und Straßenbahnen entwickelt und gefertigt. Schon seit dem Jahr 1896 werden dort Schienenfahrzeuge produziert. Das Werk gehört zu den traditionsreichsten der Eisenbahnindustrie.Am Standort Görlitz ist das Kompetenzzentrum für die Fertigung von Doppelstockzügen. Zudem werden Wagenkästen für Passagierzüge und U-Bahnen gebaut. In Görlitz werden seit mehr als 160 Jahren Schienenfahrzeuge gebaut.Hennigsdorf ist Bombardiers größter Standort in Europa mit etwa 2800 Angestellten. Dort werden Hochgeschwindigkeits-, Nahverkehrs- und Regionalzüge, U-Bahnen sowie Straßen- und Stadtbahnen geplant und gebaut.