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| 17:56 Uhr

Friedensfest gegen Rock- und Kampfsport-Treffen der Neonazis
Ostritz – eine Stadt wehrt sich

Lichterkette am Freitagabend in Ostritz.
Lichterkette am Freitagabend in Ostritz. FOTO: dpa / Oliver Killig
Ostritz. Mit einem zweiten großen Friedensfest macht Ostritz mobil gegen eine Veranstaltung von Neonazis. Das Schild & Schwert-Festival an der Neiße zieht auch zahlreiche Rechte aus der Lausitz an. Von Andrea Hilscher

Der kleine Ort zwischen Zittau und Görlitz hat 2370 Einwohner, zu sehen sind an diesem Freitag nur wenige von ihnen. Der Marktplatz ist weiträumig abgesperrt, mehrere Hundertschaften Polizei aus verschiedenen Bundesländern haben in dem Bereich zwischen Kloster und polnischer Grenze Position bezogen.

Dort nämlich, auf dem Areal des Hotels „Neißeblick“, treffen sich an diesem Wochenende Neonazis, Kampfsportler und rechte Unterstützer aus mehreren europäischen Ländern. Rund 1000 Teilnehmer werden bei dem Schild & Schwert-Festival erwartet.

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen, spricht bei der Eröffnung des 2. „Ostritzer Friedensfest“, einer Gegenveranstaltung zu einem im Ort geplanten Musikfestival von Rechtsextremen.
Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen, spricht bei der Eröffnung des 2. „Ostritzer Friedensfest“, einer Gegenveranstaltung zu einem im Ort geplanten Musikfestival von Rechtsextremen. FOTO: dpa / Oliver Killig

Schon mittags reisen die ersten Festivalteilnehmer an – viele von ihnen stammen aus Cottbus, Lübben und Lindenau. Sie kennen sich aus auf dem Gelände, die meisten von ihnen waren bereits vor drei Wochen dabei, als der „Kampf der Nibelungen“ (KDN) am Hotel Neißeblick Austragungsort für Kämpfe in verschiedenen Disziplinen war.

Mitte Oktober reisten auch Männer aus der rechten Kampfsportszene aus Cottbus, Lübben und Lindenau nach Ostritz. Beobachter identifizierten knapp 50 Brandenburger aus der rechten Szene vor Ort. Zahlreiche Anhänger des Cottbuser Teams „Black Legion“ gehörten ebenso dazu wie ein Team von „Greifvogel Wear“ des Lindenauers Sebastian Raack. Mitglieder von „Black Legion“ sind eng vernetzt mit der rechten Hooligan-Szene, einige von ihnen gehörten zum Umfeld der verbotenen früheren „Widerstandsbewegung Südbrandenburg“.

Die Lübbener Kampfsportgruppe „Northsidecrew“ war ebenfalls beim KDN vertreten. Auch sie pflegt nach Erkenntnissen von Ermittlern  enge Kontakte ins rechte Hooliganmilieu in Cottbus. Für das KDN-Turnier auf dem Schild & Schwert-Festival haben sich die Veranstalter etwas Neues ausgedacht: Sie haben unter anderem Team-Fights angekündigt. Bei diesen hooligan-artigen Kämpfen treffen jeweils sechs Mitglieder einer Mannschaft zeitgleich im Ring aufeinander. Rechtlich bewegen sich die Kämpfer damit in einer Grauzone, da derartige Mannschaftskämpfe nur schwer einem kontrollierbaren Regelwerk unterworfen werden können.

Vor dem Hotel „Neißeblick“ kontrolliert die Polizei am Freitagabend ankommende Teilnehmer des Neonazi-Festivals.
Vor dem Hotel „Neißeblick“ kontrolliert die Polizei am Freitagabend ankommende Teilnehmer des Neonazi-Festivals. FOTO: LR / Andrea Hilscher

Besonders brisant an diesen „Team-Fights“: Sie gelten in der Szene als optimale Vorbereitung für den Straßenkampf. So wurden sowohl bei den jüngsten Ausschreitungen in Chemnitz als auch bei Auseinandersetzungen im Leipziger Stadtteil Connewitz 2016 Rechtsradikale beob­achtet, die professionelle Kampftechniken gegen Polizisten einsetzten. Der KND wirbt denn auch für seine Mannschaftskämpfe mit folgenden Worten: „Meldet Euch an, wenn ihr die Ehre eurer Stadt verteidigen möchtet.“

Genau darin sieht die parteilose Ostritzer Bürgermeisterin Marion Prange die große Gefahr, die von den Veranstaltungen im Hotel an der Neiße ausgehen. „Wir haben hier etwas, dass wohl deutschlandweit einmalig ist. Dort werden Männer auf den Straßenkampf vorbereitet , unter dem Schutz des Versammlungsrechtes können sich die Neonazis ungestört vernetzen. Wie lange wollen wir das noch dulden.“

Prange verlangt politische Lösungen, vorerst aber setzt sie auf eine starke Zivilgesellschaft. Gemeinsam mit mehreren Hundert ehrenamtlichen Helfern und dem Veranstalter, dem Internationalen Begegnungszentrum St. Marienthal (IBZ) hat sie zum zweiten Ostritzer Friedensfest aufgerufen. Erwartet werden auch dieses Mal rund 3000 Besucher. „Wir denken, dass mittlerweile  auch mehr Ostritzer von dem Konzept dieses Festes überzeugt sind und uns unterstützen.“

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ist als Schirmherr am Freitagnachmittag auf dem Marktplatz zu Gast. Bis zum Sonntag wollen die Ostritzer mit Konzerten, Feuershows, ökumenischen Gebeten und Kunstaktionen ein Zeichen für Demokratie und Toleranz setzen. „Vor allem aber wollen wir aufklären darüber, was unten im Hotel passiert“, sagt die Ostritzerin Melanie Kottek. „Damit niemand sagen kann, er habe nichts gewusst.“

Michael Schlitt, Vorstandsvorsitzender des IBZ, sagt: „Es muss das Gebot der Stunde sein, dass die demokratische Mehrheit in diesem Lande ihr Schweigen aufgibt und aufsteht.“

Zeitgleich werden ein paar Hundert Meter weiter, unten an der Neiße, die ersten Kämpfe eingeläutet. Auf der Straße der „Bewegung“ präsentieren sich verschiedene Politiker der NPD neben Plattenverkäufern und Devotionalienhändlern. Bands mit Namen wie „Sturmgewehr“ oder „Nahkampf“ bereiten sich auf ihren Auftritt vor.

Die Polizei hat Stellung bezogen. Friedensfest und Neonazis gleichermaßen im Blick.