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| 19:20 Uhr

Bahn
Jetzt hat Niesky wieder Anschluss an die große weite Welt

Die Niederschlesien-Magistrale ist Teil des paneuropäischen Verkehrskorridors, der von Asien bis an den Atlantik reicht. Zurück geht die Magistrale als Teilstück der Fernverbindung zwischen Wroclaw (Breslau) und Magdeburg, deren Bau am 1. Dezember 1869 genehmigt wurde.
Die Niederschlesien-Magistrale ist Teil des paneuropäischen Verkehrskorridors, der von Asien bis an den Atlantik reicht. Zurück geht die Magistrale als Teilstück der Fernverbindung zwischen Wroclaw (Breslau) und Magdeburg, deren Bau am 1. Dezember 1869 genehmigt wurde. FOTO: Deutsche Bahn
Niesky. Die Eröffnung der Niederschlesien-Magistrale rückt die Oberlausitz direkt an eine internationale Verkehrs-Pulsader, die bis China reicht. Von Jan Siegel

„Heut’ kommt die Bahn!“, singen die Heideländer Musikanten aus Niesky. Blasmusik und Menschenmassen, das ist das, was der Bahnhof Niesky schon lange nicht mehr erlebt hat. Vor acht Jahren fuhr dort der letzte Personenzug. Die Stadt in der Oberlausitz lag bis gerade noch weit ab von den internationalen Bahnstrecken.

Am Montag konnten die Bewohner von Niesky an ihrem Bahnhof endlich wieder feiern. Ihre Station wird in Zukunft deutlich an Bedeutung gewinnen. Mit der Eröffnung der Niederschlesien-Magistrale eröffnen sich für die Stadt in der Oberlausitz ganz neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Die Magistrale ist Teil eines europäischen Güter-Schnellnetzes. Es soll künftig nicht nur zu einer der Transit-Pulsadern auf dem Kontinent werden, sondern auch die direkte Verbindung bis ins ferne Asien schaffen.

Als Teil der „Neuen Seidenstraße“, an der die chinesische Staatsführung mit Hochdruck arbeitet, sollen über die Niederschlesien-Magistrale internationale Güterverkehre künftig innerhalb von elf Tagen zwischen China und den großen Nordseehäfen rollen. Schiffe brauchen für die Route bisher rund fünf Wochen.

„Mit der Fertigstellung der Niederschlesischen Verkehrsmagistrale bieten sich auch für die Lausitzer Transport- und Produktionsunternehmen und für neue Wirtschaftsansiedlungen enorme Chancen“, sagt Jens Krause, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus. Er ist bei der Kammer für Logistikbranche zuständig. Entlang der Trasse habe es schon jetzt die ersten Ansiedlungen von Unternehmen gegeben. Als Beispiel nennt Krause die Bremer Lagerlogistik (BLG) in Falkenberg/Elster. Das wichtige Bahnkreuz im Elbe-Elster-Kreis profitiert von der neuen schnellen Anbindung in Richtung Osten.

Ein besonderes Ereignis war die erste Fahrt mit dem Sonderzug von Lohsa nach Niesky für Klaus Lubosch. Der Ingenieur arbeitet seit mehr als 20 Jahren bei Siemens in München. Jedes Wochenende pendelt er von Bayern in seine Heimatstadt Niesky. Als Leiter eines Ingenieur-Teams ist er in der Münchner Siemens-Lokomotivfabrik für den Bau  von universell einsetzbaren Loks zuständig. Dabei  handelt es sich um Triebfahrzeuge, die während der Fahrt auf unterschiedlichen Bahnsystemen rollen können. Mit den variablen Lokomotiven wird künftig auch die Niederschlesien-Magistrale befahren. Während E-Loks im deutschen Netz mit 15-kV-Wechselstrom unterwegs sind, reichen in Polen 3-kV-Gleichstrom. Und so ist Klaus Lubosch stolz, als er am Montag in dem Sonderzug sitzt vor dem eine seiner Loks gespannt worden ist.

Mit dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember fahren wieder regelmäßig Personenzüge auf der Strecke Hoyerswerda-Niesky-Görlitz. Die Züge sind so getaktet, dass eine stabile Regionalverbindung zwischen Görlitz und Leipzig entsteht. Dazu müssen die Reisenden lediglich in Hoyerswerda in die S-Bahn umsteigen.

Neben dem Personennahverkehr profitiert allem vor allem der Güterverkehr vom Streckenausbau. Ausgelegt ist die Strecke auf täglich 180 Züge, 160 davon im Güterverkehr sowie 20 Personenzüge. Vor dem Umbau, der vor rund zehn Jahren begann, rollten dort an guten Tagen 30 Güter- und 20 Personenzüge.

Die Eisenbahnlinie hat eine große Tradition. Einst war die Strecke Teil der Fernverbindung zwischen Wroclaw (Breslau) und Magdeburg, deren Bau am 1. Dezember 1869 genehmigt wurde und auf der schon vier Jahre später die ersten Schnellzüge rollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Strecke an Bedeutung. Das zweite Gleis wurde als Reparationsleistung in die damalige Sowjetunion abtransportiert.

Den Anstoß für den jetzigen Streckenneubau gaben die Vereinbarungen zwischen Deutschland und Polen im Rahmen der EU-Osterweiterung.

Die neue zweigleisige Strecke, die mit 160 Stundenkilometern befahren werden kann, stellte die Planer von heute vor einige Probleme. Eine Herausforderung für sie und die Baufirmen war die Großbaustelle im oder direkt entlang am Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichland. „Im Vergleich zu anderen Projekten war der Anteil an Naturschutzmaßnahmen außergewöhnlich groß“, sagt Projektleiter Ulrich Mölke. Weil die Strecke teilweise auf unsicherem Grund verläuft, mussten aufwändige Stabilisierungselemente eingebaut werden, die teilweise aus speziellen Textilien gefertigt sind, und das Erdreich halten. Mit ihrer neuen Bahn haben die Nieskyer nicht nur als Reisende wieder eine Anbindung an die Welt, sondern auch die Chancen, dass die Wirtschaft in ihrer Region von der neuen Hochleistungstrasse profitiert.