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| 16:43 Uhr

Post aus Dresden
Neues aus der Zeitforschung

Christine Keilholz
Christine Keilholz FOTO: LR / Redaktion
Die Zeit rast, wenn sie verweilen soll. Und sie tropft zäh wie Schweiß von der Stirn bei 36 Grad, wenn man sich Beschleunigung wünscht. Warum das so ist, haben jetzt Forscher der Technischen Universität Chemnitz untersucht. Von Christine Keilholz

Die Psychologin Isabell Winkler geht in einem aktuellen Forschungsprojekt der Frage nach, warum die Zeit manchmal rast und manchmal schleicht. Und siehe da, das subjektive Zeitempfinden der Menschen ist ein seltsames Ding. Zum Teil ist es angeboren. Im Gehirn gibt es mehrere Bereiche, die über Schleifensysteme vernetzt sind, hat Winkler herausgefunden. Diese Bereiche sind verantwortlich für das Zeitempfinden, das schon kleine Kinder haben. Eine lange Dauer von einer kurzen zu unterscheiden, das muss allerdings erlernt werden.

Überhaupt ist die Wahrnehmung der Zeit, die verstreicht, abhängig davon, was wir gerade tun und wie uns das gefällt. Sind wir abgelenkt oder mit viel Gefühl bei der Sache, dann ist die Zeit anscheinend eine andere als ohne. Was uns körperlich anstrengt, dauert gefühlt sowieso eine Ewigkeit. Wer in einem Wartezimmer sitzt und auf die stupide Tätigkeit des Wartens beschränkt ist, muss lange warten. Spielt er in dieser Zeit auf dem Handy, kann das helfen, die Warterei abzukürzen. Aha, soso! Nett von der Forschung, dass sie uns das mal offiziell bestätigt.

Aber Winkler hat noch mehr herausgefunden. Nämlich, warum die Zeit schneller vergeht, je älter wir sind. Das betrifft interessanterweise nur erinnerte Zeit, die dann schon vergangen ist. Die Zeit ist also früher schneller vergangen, wenn man sich im Alter dran erinnert, als die Zeit, die gerade vergeht. Verwirrt? Es kommt noch besser: Wer alt ist, hat mehr Routine in dem, was er tut. An routinierte Tätigkeiten muss sich niemand erinnern, drum werden sie vergessen. Dadurch werden die Lebensereignisse im Alter weniger. Der dritte Sizilien-Urlaub ist also weniger abspeichernswert als der erste, die Geburt des fünften Enkels hallt in der Erinnerung weniger nach als die des ersten. Alles schon gehabt, alles schon gesehen, nix Neues mehr unter der Sonne – auch das macht die Zeit so langsam, dass man eigentlich mehr draus machen könnte. Und das ist nun wieder das Schöne daran.