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Nachbarn seit 1000 Jahren

Dresden und Sachsen waren immer schon attraktiv für Polen, Russen und Tschechen. Während die sächsisch-polnischen und sächsisch-russischen Beziehungen schon seit langem nicht nur das Interesse der Historiker beanspruchen, ist über das nicht immer spannungsfreie Verhältnis zwischen Sachsen und Böhmen weit weniger bekannt. Seit einiger Zeit wird dieses wichtige und durch die EU-Osterweiterung aktuelle Kapitel vom Institut für sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) verstärkt „beackert“. Vor allem das Schicksal der „Exulanten“, protestantischer Glaubensflüchtlinge, ist Gegenstand der historischen Forschung. Von Ernst W. Raymund

Seit rund 1000 Jahren sind Sachsen und seine Vorläufer und Böhmen bei wechselnden Grenzen politische und geographische Nachbarn. Die Markgrafen von Meißen ließen vier Festungen (Moritzburg, Radeberg-Klippenstein, Pirna-Sonnenstein und Tharandt) errichten, zumal die Lausitz bis 1635 formal mit der böhmischen Krone verbunden war. Bei allen Spannungen blieb die Grenze nach Auskunft von ISGV-Mitarbeiter Frank Metasch stets "grün", so dass enge politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen erhalten blieben.
Viele der meist zweisprachigen böhmischen Adeligen schickten Metasch zufolge ihre Söhne auf sächsische Fürstenschulen. Das binationale Pirnaer Schiller-Gymnasium setzt also eine Jahrhunderte alte Tradition fort. Umgekehrt war die Prager Karls-Universität stets attraktiv für Studenten aus Sachsen. Die aufstrebende Musikmetropole Dresden lockte zahlreiche böhmische Komponisten, Kirchenmusiker und Dirigenten an. Prominentester Böhme war Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745), der seit 1710 das Dresdner Musikleben maßgeblich beeinflusste. Der 1709 gegründete Dresdner Kapellknabenchor, das katholische Pendant zum Kreuzchor, rekrutierte seine ersten Mitglieder in Böhmen.
Ein wichtiges Kapitel der sächsisch-böhmischen Geschichte war die Emigration. Prominenteste sächsische Emigranten waren die Burggrafen von Dohna, die 1402 nach der Eroberung ihres Territoriums durch die Wettiner in Böhmen Unterschlupf suchten. Umgekehrt waren es vor allem böhmische Protestanten (Exulanten), die nach Sachsen aussiedelten. Metasch: "Historisch gab es drei wichtige Wellen". Die erste setzte nach 1620 ein, nachdem der protestantische böhmische Adel am Weißen Berg von der Armee der Habsburger vernichtend geschlagen worden war.
Die zweite folgte nach 1650. Nach der Vereinigung der österreichischen und böhmischen Krone wurde Böhmen radikal rekatholisiert. Jetzt waren es vor allem Intellektuelle, Bürger, Handwerker und Bergleute, die auswanderten. Allerdings war Sachsen nicht so tolerant wie Preußen. Die Emigranten mussten lutherisch werden und ihre hussitischen Traditionen aufgeben. Weniger willkommen war die Einwandererwelle nach 1730. Es waren vor allem Tagelöhner und Kleinbauern, die ins wirtschaftlich aufblühende Sachsen auswanderten.
1830 erhielten die Nachkommen der Exulanten als böhmische Gemeinden einen rechtlichen Status. Unter anderem in Dresden, Pirna und Zittau wurde von zweisprachigen Pfarrern auch tschechisch gepredigt. Die Dresdner Gemeinde bestand bis zu ihrer offiziellen Auflösung am 31. Dezember 1999. Der Nachlass ging in den Besitz einer Stiftung über. (ddp/ksi)