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Tillich-Nachfolger stellt sich vor
Nach Tillich beginnt das „neue Sachsen“

Sachsens Noch-Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU, r) begrüßt seinen Nachfolger im Amt, den Lausitzer Michael Kretschmer.
Sachsens Noch-Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU, r) begrüßt seinen Nachfolger im Amt, den Lausitzer Michael Kretschmer. FOTO: Sebastian Kahnert / dpa
Dresden. Auf dem Weg in die Staatskanzlei ist der CDU-Mann Michael Kretschmer einen Schritt weiter. Gestern hob die mächtige Landtagsfraktion den 42-Jährigen auf den Schild. Christine Keilholz

Zwei erkennbar zufriedene Männer traten am Donnerstag  im Landtag vor die Presse, um die neuesten Entwicklungen in der sächsischen CDU bekannt zu geben. Die ja drei Wochen nach der desaströsen Bundestagswahl noch immer die Scherben zusammenfegt.

Der Chef der Landtagsfraktion, Frank Kupfer, konnte nun immerhin verkünden, dass die Suche nach einem neuen Ministerpräsidenten und Landesparteichef einen Schritt weitergekommen ist. Man habe bei der Fraktionssitzung zwar „kein sozialistisches Ergebnis“ gehabt, sagte Kupfer, aber sich doch mehrheitlich für den Kandidaten Michael Kretschmer ausgesprochen. Von den 59 direkt gewählten Abgeordneten der CDU hätten sich nur wenige enthalten oder gegen Kretschmer gestimmt. Und auch die nur deshalb, weil ihnen die Sache doch zu plötzlich kam, ließ der Fraktionschef durchblicken.

Michael Kretschmer hat damit gute Chancen, auf dem Parteitag am 9. Dezember in Löbau zum Nachfolger von Stanislaw Tillich (CDU) gewählt zu werden. Weiß er doch mit der Landtagsfraktion eine mächtige innerparteiliche Gruppe hinter sich, die zudem in den Wahlkreisen für ihn werben kann.

Der 42-jährige gebürtige Görlitzer war gestern seinerseits zufrieden. Einen anderen Kandidaten für das höchste Amt im Freistaat haben auch die als eigensinnig bekannten CDU-Landtagsabgeordneten nicht benannt. Stattdessen fragten sie Kretschmers politische Pläne ab, hörten sich sein Manifest an und hoben ihn schließlich auf den Schild.

Kretschmer war erst am Mittwochnachmittag von Tillich als Wunschnachfolger präsentiert worden. Dass Kretschmer übernehmen soll, überraschte weniger – Tillichs Rücktritt aber doch. Tillich habe mit der Bekanntgabe seines Rücktritts durchaus überraschen wollen, sagte Kretschmer, der seit Jahren die rechte Hand des Regierungschefs in der Partei ist. Man habe nicht warten wollen „bis alle möglichen Leute sagen: Du musst jetzt aufhören!“ Die Entscheidung klang auch aus dem Mund des designierten Nachfolgers folgerichtig, denn dem ist „völlig klar, dass diese Bundestagswahl eine sächsische Komponente hat“.

Bei der Wahl vor drei Wochen hatte die seit 27 Jahren regierende CDU erheblich Stimmen eingebüßt und sogar vier Direktmandate an die AfD und die Linken verloren.

Diese sächsische Komponente, die zum Verlust beigetragen hat, sieht Fraktionschef Kupfer in der Schulpolitik und in der Sicherheit. Das jahrelange Sparen bei Stellen für Lehrer und Polizisten hat die CDU-geführte Staatsregierung zwar leicht korrigiert. Doch es dauert eben, bis neue Anwärter ausgebildet sind. Es war der aktuelle Mangel, für den die Landespartei am 25. September vom Wähler die Quittung bekam.

Hinzu kam freilich der Unmut über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Die hätte besser erklärt werden müssen, sagte Kretschmer gestern – auch im Nachhinein. Hätte man, so sagte er, „einmal deutlich erklärt, wir haben 2015 Fehler gemacht, diese Fehler bedauern wir, und unsere Politik zielt darauf ab, diese Fehler in Zukunft zu vermeiden“, dann wäre die Wahl wohl anders ausgegangen.

Auch für Kretschmer selbst. Er hatte am 24. September seinen Wahlkreis Görlitz, den er seit dem Jahr 2002 immer gewonnen hatte, an den AfD-Mann Tino Chrupalla verloren. Nicht wenige sahen den wuseligen Rothaarigen, der jahrelang als Tillichs Kronprinz gegolten hatte, da bereits im Fahrstuhl nach unten.

Wenn es nun gut für ihn läuft, kommt er schon zwei Jahre früher als geplant ans Ruder. Denn 2019 ist Landtagswahl. Womöglich die erste, die für die Sachsen-CDU kein einfacher Durchmarsch mehr werden wird. Ein „gutes Wahlergebnis 2019“ hat Kretschmer schon jetzt fest im Blick.

Bis jetzt war der Görlitzer als Bundestagsabgeordneter quasi Sachsens Botschafter in Berlin und als Generalsekretär strammer Parteisoldat. Wofür er inhaltlich steht, muss er in den Wochen bis zum Parteitag beweisen.

Auch muss er beweisen, dass er hat, was Tillich zuletzt völlig abging: Eine politische Idee. Gestern versuchte Kretschmer es so: Es breche jetzt eine Zeit an, „in der wir das neue Sachsen bauen wollen“, nach den Jahren des Aufbaus