ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 03:06 Uhr

"Mit den Ohren sehen"

Blick auf die Gedenkstätte Bautzen im ehemaligen Stasi-Knast der DDR: Besucher sollen den einstigen Haftalltag künftig stärker über die Sinne nachempfinden können. Foto: Matthias Hiekel/dpa
Blick auf die Gedenkstätte Bautzen im ehemaligen Stasi-Knast der DDR: Besucher sollen den einstigen Haftalltag künftig stärker über die Sinne nachempfinden können. Foto: Matthias Hiekel/dpa FOTO: Matthias Hiekel/dpa
Bautzen. Mit Hörstücken soll Besuchern der Gedenkstätte Bautzen künftig ein Eindruck davon vermittelt werden, was Isolation und Überwachung in der ehemaligen Stasi-Sonderhaftanstalt bedeuteten. "Hörgang Bautzen II" ist zum Eröffnungsabend des Projekts am Mittwoch, 6. Juni, um 19 Uhr erstmals zu erleben. Anett Böttger

Besucher der früheren Stasi-Sonderhaftanstalt in Bautzen sollen den einstigen Haftalltag künftig stärker über die Sinne nachempfinden können. "Isolation kann man nicht wirklich in Worten beschreiben", sagte die Leiterin der Gedenkstätte Bautzen, Silke Klewin. An diesem Mittwoch öffnet der "Hörgang Bautzen II" in dem ehemaligen Gefängnis, in dem die Staatssicherheit von 1956 bis 1989 unter anderem kritische DDR-Bürger, Republikflüchtlinge, Spione westlicher Geheimdienste und straffällig gewordene SED-Funktionäre festhielt. Eine akustische Installation in zwei Zellen soll Eindrücke vom Leben in Isolationshaft vermitteln.

"Wir kommen mit dem klassischen Ausstellungsrepertoire an unsere Grenzen", sagte Klewin. Der Rundgang durch die Bautzener Gedenkstätte werde daher um eine neue Form der Darstellung ergänzt. "Hören war ein bedeutsames Thema für die Gefangenen in ihrer begrenzten Welt", erklärte Klewin.

Geräusche erlebar machen

"Ich lernte mit den Ohren sehen" - mit diesen Worten habe beispielsweise Karl Wilhelm Fricke die Erinnerung an seine Haftzeit zusammengefasst. Der auf DDR-Themen spezialisierte westdeutsche Journalist saß zwischen 1956 und 1959 in dem berüchtigten Gefängnis. Er war als "Staatsfeind" von der Stasi in Westberlin betäubt und in die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen verschleppt worden.

Frickes Zitat sei mit weiteren Textfragmenten in einer Zelle zu hören, um die Situation isolierter Häftlinge zu verdeutlichen. In einem anderen Raum soll eine Klangkomposition Geräusche aus dem Haftalltag erlebbar machen.

Der "Hörgang" ist in zwei Originalzellen aus den 80er-Jahren eingerichtet. In den karg ausgestatteten Hafträumen mit Bett, Toilette und Klapptisch liegen Kopfhörer bereit, sodass sich Besucher ganz auf die Tonsequenzen konzentrieren könnten.

Dass sich die beiden Zellen neben einem Raum befinden, in dem Wanzen zum Abhören der Häftlinge zu besichtigen sind, sieht Klewin durchaus als interessante Kombination. Die Gedenkstättenleitung denke darüber nach, auch andere Sinne mit neuen Formen in der Schau anzusprechen. Das Konzept dafür wollen die Mitarbeiter mit Anregungen von Gästen und früheren Häftlingen weiterentwickeln.

Immer mehr Gäste

Im Jahr 2011 zählte die Gedenkstätte weit über 103 000 Besucher, etwa 2000 mehr als im Jahr zuvor. Die Einrichtung erinnert an die Opfer politischer Verfolgung in der Zeit von Diktaturen in beiden Bautzener Gefängnissen. Das Haus entstand zwischen 1902 und 1906 als Teil eines Justizkomplexes. Das Gefängnis darin wurde im Januar 1992 geschlossen. 1994 begann der Aufbau der Gedenkstätte Bautzen.