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"Man muss auch mal einstecken"

Die Bundesvorsitzenden der Partei Die Linke, Bernd Riexinger und Katja Kipping, bei der Wahlparty am vergangenen Sonntag in Berlin. Trotz mauer Ergebnisse wurde gefeiert.
Die Bundesvorsitzenden der Partei Die Linke, Bernd Riexinger und Katja Kipping, bei der Wahlparty am vergangenen Sonntag in Berlin. Trotz mauer Ergebnisse wurde gefeiert. FOTO: dpa
Dresden. Die Linken lächeln wacker nach dieser Bundestagswahl. Dabei haben sie deutlich verloren. Auch die Hoffnung, dass es jemals für einen Regierungswechsel reichen könnte. Christine Keilholz / ckz1

Sören Pellmann hat wacker gekämpft - und wider alles Erwarten gewonnen. Mit 25,3 Prozent holte der Linke als Direktkandidat den Wahlkreis 153 für seine Partei nach Hause. Wenn auch denkbar knapp. Um weniger als 900 Stimmen schlug der Grundschullehrer den langjährigen CDU-Abgeordneten Thomas Feist.

Pellmann ist trotz seiner 40 Jahre schon sowas wie ein Linken-Urgestein, jedenfalls in Leipzig. Zum 16. Geburtstag trat er in die PDS ein, für die Linke war er Stadtvorstandsmitglied, Stadtrat und Wahlkampfmanager. Für die Partei, für die sein dieses Jahr verstorbener Vater Dietmar lange im Landtag saß, holte Pellmann meist gute Ergebnisse. Diesmal hat es für den Sieg gereicht.

Sören Pellmann hat damit an diesem Wahlsonntag die Ehre der Linken gerettet. Denn die Partei, die sich seit jeher als Stimme des Ostens begreift, kam diesmal bundesweit auf 9,2 Prozent. Das auch nur, weil sie im Westen leicht zulegen konnte. In Ostdeutschland landete die Linke - mit Ausnahme Berlin - überall hinter der AfD. Und sie verloren auch an die neue Kraft. Laut Infratest Dimap machten 400 000 Linke-Wähler diesmal ihr Kreuzchen bei der AfD. Die Strategie, sich wieder stärker als Ost-Partei zu präsentieren und damit der AfD das Wasser abzugraben, ist für die Linke nicht aufgegangen. Neben Pellmann werden nur vier Linke direkt in den Bundestag einziehen - Gregor Gysi, Gesine Lötzsch, Petra Pau und Stefan Liebich.

In Sachsen war der Abstand zur AfD sogar deutlich: Die langjährige zweitstärkste Partei holte 16,1 Prozent - die neue AfD überholte mit 27 Prozent sogar die CDU. Die Linken verloren vier Prozent im Vergleich zur Bundestagswahl 2013. Ein Umstand, den die Parteispitze lieber wortreich umschifft. Man habe "klare Kante für Menschlichkeit gezeigt", sagte Sachsens Landesverbandschef Rico Gebhardt gleich am Montag. Er sei durchaus der Meinung, dass man für seine Grundüberzeugung auch mal einstecken muss". Und gut immerhin: Man habe ein "junges urbanes Milieu überzeugen können".

Aber das reicht längst nicht mehr, um den Wegfall der älteren Wählerschaft zu kompensieren. Der sächsische Landesverband ist inzwischen bei unter 9000 Mitgliedern angekommen - ein Verlust von 3000 in fünf Jahren. Zeitweise rangierte der einstmals unangefochten mitgliederstärkste Landesverband sogar hinter Nordrhein-Westfalen.

Damit ist für die Linke jede erfolglose Wahl eine zu viel. Als in diesem Jahr die Option auf Rot-Rot-Grün im Bund langsam zerbröckelte, versackte auch die Linke in den Umfragen. Der Traum vom Regierungswechsel in Sachsen, der vor wenigen Jahren noch in Reichweite lag, ist längst ausgeträumt. Der Partei kommt schlichtweg die Manpower abhanden.

Sie zieht zwar ein junges Publikum in den Städten an - aber draußen im Land ist die Linke immer weniger wahrnehmbar. Im Erzgebirge zählt sie keine 700 Mitglieder mehr. Keine 500 sind es noch in der Sächsischen Schweiz, wo am Sonntag die AfD mit Frauke Petry das Direktmandat holte. Die Partei könnte in Sachsen in ein paar Jahren kleiner sein als die SPD.

Schon bei der Landtagswahl 2014 kam die Linke nur auf knapp 19 Prozent. 15 000 ihrer Wähler machten damals ihr Kreuzchen lieber bei der AfD. Nicht wenige aus dem Spektrum der Linken liefen später mit Pegida durch Dresden. Aber die Debatte über Fremdenfeindlichkeit, die es auch in der eigenen Partei gibt, konnten Gebhardt und Bundesparteichefin Katja Kipping erfolgreich unterm Deckel halten. Lieber schob man Verluste und Schuld an allem der CDU zu. Viel weiter in der Fehleranalyse ist man auch diesmal fünf Tage nach dem Wahldesaster noch nicht gekommen.

Zum Thema:
Wenige Tage nach der Wahl ist bei den Linken Streit über den künftigen Kurs vor allem in der Flüchtlingspolitik ausgebrochen. Parteichefin Katja Kipping wies Kritik des früheren Vorsitzenden Oskar Lafontaine zurück. "Wer in der Flüchtlingsfrage auf Rechtskurs geht, riskiert die Glaubwürdigkeit der Linken", sagte Kipping gestern in Berlin. Lafontaine, der Mann von Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht, hatte auf Facebook das Abschneiden der Linken bei Arbeitslosen und Arbeitern bei der Bundestagswahl als enttäuschend bewertet. Ein Schlüssel sei die "verfehlte" Flüchtlingspolitik der Linken sowie der anderen bisher im Bundestag vertretenen Parteien.

Sören Pellmann gehört zu den Gewinnern der Linken bei der Bundestagswahl.
Sören Pellmann gehört zu den Gewinnern der Linken bei der Bundestagswahl. FOTO: Die Linke/Tino Pfundt