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| 10:35 Uhr

Sachsens CDU und ihr Verhältnis zur CSU
Macht Kretschmer sich zum Horst?

Bundes-Innenminister Horst Seehofer (CSU, r.) und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am 28. Mai bei einem Termin in der Sächsischen Staatskanzlei. Bei seinem Besuch in Dresden sprach Seehofer mit der sächsischen Regierung über die Themen Innere Sicherheit und Migration. Die RUNDSCHAU-Sachsen-Korrespondentin Christine Keilholz fragt sich: Warum versucht Kretschmer zu sein wie der Horst?
Bundes-Innenminister Horst Seehofer (CSU, r.) und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am 28. Mai bei einem Termin in der Sächsischen Staatskanzlei. Bei seinem Besuch in Dresden sprach Seehofer mit der sächsischen Regierung über die Themen Innere Sicherheit und Migration. Die RUNDSCHAU-Sachsen-Korrespondentin Christine Keilholz fragt sich: Warum versucht Kretschmer zu sein wie der Horst? FOTO: dpa / Monika Skolimowska
Dresden. Sie pflegen Heimatstolz, empfangen Victor Orban und streiten gemeinsam gegen die Asylpolitik von Bundeskanzlerin Merkel. Warum eigentlich macht Sachsens CDU der bayerischen CSU alles nach?

Horst Seehofer kam, riss zwei Stunden lang Witze mit den Kollegen von der sächsischen CDU, um dann wieder abzurauschen Richtung München. Die Witze waren von der Sorte, wie sie beide Seiten lieben.

„Ja“ federte Seehofer lässig ins Saalmikro, er habe etwas gegen den Länderfinanzausgleich, „aber nicht etwa wegen der tüchtigen Sachsen“, sondern weil ihm die Lust fehle, die Partys der Berliner zu bezahlen.

Hahaha, hohoho, Schenkelklopf, viel Spaß haben sie alle auf diesem CDU-Landesparteitag in Plauen. Der Ehrengast aus Bayern war extra „aus den Niederungen des Donautals in die geistigen und kulturellen Höhen des Vogtlands“ heraufgekommen. In einer langen Rede schüttete er Kübel des Lobes über den sächsischen Freunden aus.

Herrliche Zeiten waren das noch im Spätherbst 2011. Horst Seehofer saß als Regierungschef fest im bayerischen Sattel. Sein Kollege Stanislaw Tillich (CDU) wand sich noch elegant durch eine günstig geordnete sächsische Politiklandschaft.

Eine AfD war noch nicht bekannt, die gefährlichsten Kritiker von rechts saßen noch in Honoratiorenclubs innerhalb der Union. Und die nächste Landtagswahl damals noch ein Ereignis wie ehedem eine Fürstenhochzeit: Du kommst, Du winkst, es gibt Bilder, Du gewinnst, die anderen murren und klatschen trotzdem.

Das war lange vor der Bundestagswahl 2017, die die CSU in Bayern und die CDU in Sachsen gleichzeitig zu Verlierern machte. Seitdem fürchten beide um Herrschaft und Existenz, vor allem um die nächsten Landtagswahlen. Bayern wählt am 14. Oktober, Sachsen nächsten Sommer. Die Nöte sind die gleichen.

Nur so lässt sich erklären, warum Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer sich im Koalitionsstreit um die Flüchtlingspolitik auf die Seite Seehofers stellt – mithin gegen die eigene Kanzlerin.

Nur leider sehen weder Bayern noch Sachsen damit aktuell besonders gut aus. Die Granden der CSU wirken in ihrer auf Flüchtlinge fixierten bayerischen Wahlkampfpoliterei schon panisch. Wie auch die Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt, die als einzige im Streit Seehofer beispringen. Im Jubel wie im Elend ist man beieinander.

Die Anhänglichkeit der Sachsen-CDU an die CSU hat schon etwas Schrulliges, aber nicht nur das. Damals in Plauen machte Seehofer dem konservativen Bruderstaat Sachsen ein unvergessliches Geschenk, als er sagte: „Wir sind ein Geschwisterpaar, manchmal im sportlichen Wettbewerb um den Platz eins.“ Da war die sächsische CDU endlich angekommen.

Kein Brandenburger, kein Saarländer, kein Holsteiner könnte nachvollziehen, was das für einen Sachsen bedeutet. 20 Jahre Schweiß und Arbeit, Klinkenputzen in Berlin, Traditionspflege und Mythenkult, Eierschecke und Weinlaubservice waren es wert gewesen. Die CSU ist so, wie die Freunde aus Sachsen immer sein wollten: Hierarchisch geordnet, nah am Bürger, tief verwurzelt in Region, Familie, Trachtenverein und Segelclub. Eine Partei, die so fest verbunden ist mit der Tradition des Landes, ist unangreifbar und allgegenwärtig.

Ganz nah war die Sachsen-CDU an diesem Ziel. 27 Jahre regierte sie Sachsen konkurrenzlos, gewann auch 27 Jahre lang so gut wie alle Bundestagsmandate. Das änderte der 24. September 2017, als sie mit 27 Prozent hinter der AfD landete und vier Direktmandate verlor.

In einer Umfrage vor wenigen Tagen kommt die CDU darin wieder auf Platz eins – allerdings mit mauen 32 Prozent. Weil gleichzeitig der Koalitionspartner SPD unter zehn Prozent schrumpft, schwinden die üblichen Machtoptionen. Würde wirklich so gewählt im kommenden Jahr, dann hätte die CDU das, was sie ein Vierteljahrhundert im Freistaat ausmachte, in zwei Jahren verfrühstückt.

Was also tun? Um die neue Konkurrenz von rechts in Schach zu halten, schaut Sachsen einmal mehr runter ins Donautal auf der Suche nach Antworten. Hier wie dort setzt man auf das regionale konservative Profil, auf Tradition und Herkunft, auf den Gegensatz zu Berlin und Brüssel. Man pflegt den eigenen Stil und die eigene Agenda – und eigene Freunde, wie den ungarischen Ministerpräsidenten.

Victor Orban ist als schriller Kritiker der Bundesregierung gern gesehener Gast in Bayern. 2016 empfing Seehofer den Ungarn dort zum öffentlichen Schulterschluss gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Ein baldiger Besuch in Sachsen war da erwartbar, der folgte vergangenen Herbst. In Dresden bekam Orban zwar keinen großen Bahnhof, aber immerhin ein Mittagsmahl mit Tillich, der bereits im Abgang war.

Einen wie Orban zu hofieren, kam dem schon nahe, was sich diese Woche zwischen den Schwesterparteien abspielte. Bundesinnenminister Seehofer blieb dem Integrationsgipfel fern, schickte stattdessen seinen sächsischen Staatssekretär Marco Wanderwitz.

Der ominöse „Masterplan“ der CSU zur Asylpolitik, an dem die Große Koalition noch scheitern kann, war nicht mal offiziell vorgestellt, da streuten ihn schon sächsische CDU-Leute auf Facebook unters Publikum. Man ist wieder beieinander. Wohin das führt, zeigen die nächsten Tage.