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Sachsen
Löbau setzt auf die Villa Schminke

Im Volksmund wird das extravagante Gebäude in Löbau auch Nudeldampfer genannt. Für Architekturkenner ist der Bau von Hans Scharoun eine Stilikone für das „Neue Bauen“.
Im Volksmund wird das extravagante Gebäude in Löbau auch Nudeldampfer genannt. Für Architekturkenner ist der Bau von Hans Scharoun eine Stilikone für das „Neue Bauen“. FOTO: Sebastian Kahnert / dpa
Löbau. Die Kleinstadt will im Bauhaus-Jubiläumsjahr Gäste aus aller Welt anlocken. Dafür wird der Scharoun-Bau nun saniert.

US-Sängerin Anastacia oder der Rock-Poet Heinz-Rudolf Kunze waren schon da. Beim „Privatkonzert“ des MDR und der Deutschen Welle sprachen sie auf dem Sofa der Villa Schminke in Löbau mit Wigald Boning und Kim Fisher. Im lichtdurchfluteten Erdgeschoss des Nudeldampfers – wie das Haus im Volksmund heißt – liefen ihre Hits. Jetzt ist Winterpause im 1933 von Stararchitekt Hans Scharoun erbauten Haus. Es gilt weltweit als Stil­ikone für das „Neue Bauen“ und soll ab April saniert werden.

Claudia Muntschick ist seit 2013 geschäftsführender Vorstand der Stiftung Haus Schminke. „Die Prominenten waren begeistert vom Haus – und selbst die Menschen vor der Haustür sind wieder aufmerksam geworden“, sagt die 39-jährige Architektin. Muntschick und ihr Team nutzen die Zeit vor dem Umbau für Förderanträge, das Buchprojekt „Der moderne Blick“ über Sachsen und die Moderne, Bewerbungen für Preise und die Akquise von Spenden. In diesem Jahr steht eine Generalüberholung des Hauses an und im kommenden dann das Bauhaus-Jahr.

Spätestens dann soll die Villa, die in Architekturlexika in einem Atemzug mit dem Haus Tugendhat von Mies van der Rohe und dem Haus „Fallingwater“ von Frank Lloyd genannt wird, in aller Munde sein.

Für Stadtgespräche sorgt der Bau des Nudelfabrikanten Fritz Schminke schon in seiner Entstehungszeit. Der Unternehmer und seine Frau Charlotte ließen ihn 1930 von Hans Scharoun (1893-1972) entwerfen. Der gebogene Korpus mit Terrassen, Außentreppe und runden Bullaugenfenstern erinnert die Betrachter von außen an ein Schiff.

Im Inneren gehen Räume ineinander über. Große Glasfenster machen den Übergang zum Garten fließend. Die Küche wurde nach Plänen der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfen. Ihre sogenannte Frankfurter Küche gilt als Vorläufer der modernen Einbauküche.

Feststeht, dass die Außensanierung des seit dem Jahr 1978 denkmalgeschützten Gebäudes im April beginnt. Die Außenhaut und das Dach sollen bis September überholt werden. „Das Haus hat den Original-Putz aus dem Jahr 1933, es gibt Risse auf der Südseite“, sagt die Expertin. Insgesamt werden 250 000 Euro investiert, die Förderung kommt von Bund, Land und der Stiftung Denkmalschutz. Ein Teil der Kosten mit 25 000 Euro trägt die Stiftung selbst. Die Stadt Löbau bezuschusst den laufenden Betrieb mit 30 000 Euro.

Die letzte Sanierung des als revolutionär geltenden Architekturwerks liegt knapp 20 Jahre zurück. Nach dem Weggang der Schminkes aus Löbau 1951 nach Celle war die Villa erst Erholungsheim, später Pionierhaus und nach der Wende Freizeitzentrum. Treffpunkt soll der Scharoun-Bau bleiben. „Wir wollen, dass die Leute alles anfassen können, das Haus begreifen“, sagt die Projektleiterin.

Das Bauwerk steht zudem neben rund 20 anderen Objekten in Sachsen auf der Vorschlagsliste für eine „Route der Moderne“. „Zusammengestellt wurde dieses Verzeichnis durch die Bauhaus AG Sachsen auf Grundlage der Denkmalsliste des Landesamts für Denkmalpflege“, sagt Christiane Krebs, Referentin für Denkmalpflege und -schutz im Sächsischen Innenministerium.

Für die eigens konzipierte Tour anlässlich des Bauhaus-Jubiläums werden deutschlandweit rund 100 authentische Bauhaus-Orte ausgewählt. Eine Entscheidung wird Anfang März auf der ITB erwartet, heißt es aus der Geschäftsstelle Bauhaus in Weimar. Die fünf Mitarbeiter in Teilzeit der Stiftung tüfteln währenddessen an einer GPS-Tour durch Löbau zur Industriekultur, grenzübergreifenden Projekten und der Vernetzung mit anderen Orten, die für „Neues Bauen“ stehen. „Wir wollen keinen Massentourismus, aber über 10 000 Besucher würden wir uns freuen“, sagt Muntschick.

Im vergangenen Jahr besuchten 8000 Gäste das Haus, zu Veranstaltungen kamen 1300 Leute. Bis zum Sanierungsbeginn können Interessierte nach telefonischer Absprache zum Rundgang oder einer Übernachtung anheuern. Baustellenführungen soll es später auch geben.