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Leisniger Stiefelwacht hat das Kriegsbeil begraben

Es begann 1925 in Döbeln. Die Schuhmachergilde stand vor ihrem 600. Zunftjubiläum und wollte ein Zeichen aussenden. Also mussten zehn Rinder ihre Haut lassen, damit sechs Meister einen Riesenstiefel schustern konnten: 3,70 Meter hoch und 1,90 Meter in der Sohlenlänge. 750 Stunden brauchten sie dafür. Das größte lederne Fußwerk der Welt wurde im Rathaus ausgestellt, geriet hier aber in Vergessenheit. 1957 landete es schließlich im benachbarten Leisnig, wo sich auf Burg Mildenstein ein Kreismuseum befand. Damit kümmerte sich fortan der Leisniger Schuhmachermeister Gerhard Berthold um den marode gewordenen Monsterstiefel. Er flickte ihn und pflegte ihn 33 Jahre lang aufopferungsvoll. Von Harald Lachmann

Dann kam die Wende, und den Döbelnern fiel plötzlich ein, dass das werbeträchtige Beinkleid eigentlich ihnen gehört. Doch die Leisniger wollten das gute Stück, das es ohne sie vielleicht gar nicht mehr gäbe, nicht herausrücken. Erst schrieb man sich Briefe, dann begann man sich zu beschimpfen, wandte sich an die Presse, ging schließlich vor Gericht. Das beschied den Leisnigern, sie dürften den Stiefel noch bis 2012 behalten, müssen ihn dann aber an Döbeln zurückgeben.

Der Plan des Meisters
Das war indes Meister Berthold zu viel. Und als Mann von echtem Geblüt der Leisniger, denen man seit je eine gewisse Sturheit und Listigkeit nachsagt, ersann er einen Plan. Mit seinem Kollegen Rolf Neidhardt begann er 1995 in aller Stille einen eigenen Leisniger Riesenstiefel zu schaffen. Noch schöner sollte er werden, noch aufwändiger, noch größer. Genau ein Jahr benötigten sie in einer verborgenen Werkstatt, die bald ganz von dem neuen Mammutschuh eingenommen wurde. So mussten sie zunächst die Decke zum Obergeschoss durchbrechen und schließlich auch eine Außenwand. Andernfalls hätten sie ihn nicht ins Freie bekommen.
Denn das, was nun 1996 erstmals ans Licht der Öffentlichkeit kam, hatte die Welt noch nicht gesehen: Einen Stulpenstiefel, der 4,90 Meter Schafthöhe misst, Schuhgröße 330 hat, annähernd eine halbe Tonne wiegt und mit einem gut halbmetergroßen Sporn bewehrt ist. Für die Sohlennähte verwendeten die Meister Wäscheleinen. Zur 950-Jahr-Feier Leisnigs 1996 wurde er erstmals ausgeführt - und ist seither natürlich Anfeindungen aus Döbeln ausgesetzt. Denn hier fühlte man sich im Stiefelkrieg glatt gelinkt.
Also musste eine Stiefelwache her, die den neuen Superstiefel, der bereits Eingang ins Guinnessbuch fand, auch wacker zu beschützen weiß. Passte er doch weder ins Leisniger Rathaus noch in die Räume auf Mildenstein. Und die Schule, in der er Zwischenquartier bezog, schien wohl nicht sicher genug. Außerdem sollte er auch gelegentlich auf Reisen gehen. Wer sollte das organisieren, ohne dabei dem weichen Rindsleder zu schaden, wer ihn hierbei behüten? "So kam uns die Idee, eine Truppe zu gründen, die allezeit bereit und in der Lage ist, ihn zu bewachen", erzählt Wolfgang Rosemann, Hauptmann jener Stiefelwacht. 1999 war diese durch den Bürgermeister "zum Schutze und zur Ehr unseres Leisniger Riesenstiefels" berufen worden.
"Und seither ist es die Stiefelwacht, die immer da ist, wenn der Stiefel ruft", grient der Elektromeister unter seiner Pickelhaube hervor. Sie ist wie der blaue Wams und die weiße Hose Teil der Phantasieuniform, die sich die zwölf Stiefelwächter und -wächterinnen maßschneidern ließen. Dank viel eigenem Zutun sowie einigen Sponsoren entstand zudem ein spezieller Lafettenanhänger. Auf ihm ruht nun der Stiefel, der übrigens weder ein linker, noch ein rechter sondern ein Mittelstiefel ist, und kann bei Bedarf zu Festen und Ausstellungen rollen. Natürlich ist er auch Stammgast zu den historischen Leisniger "Burg- und Altstadtfesten" im August.

Eigenes Quartier eröffnet
Und auch ein eigenes Quartier eröffnete die Stiefelwacht vor kurzem: in der alten Poststation, inmitten des sehenswert restaurierten Leisniger Burg lehns. Unmittelbarer Nachbar ist übrigens das Lokal "Zum Stiefel". "Natürlich mussten wir auch hier die Decke durchbrechen", schmunzelt Rainer Albrecht, Standartenträger der Wachmannschaft. Im neuen Stiefelmuseum fand zudem ein Großteil der Werkstatt des verstorbenen Meisters Berthold Platz.
Das Kriegsbeil gen Döbeln habe man indes begraben, versichert Hauptmann Rosemann. Vielmehr plädieren die Leisniger heute für mehr Gleichschritt, sprich: einen Stiefelverbund, um ihre Region touristisch noch bekannter zu machen. Denn 2003 zogen die Döbelner nach und präsentierten einen zweiten Riesenstiefel, der mit 3,90 Metern Höhe sogar etwas größer als der historische Goliath ist. Da er im Brauhaus steht, nennt ihn der Volksmund "Schwarzbierstiefel".