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Leipzig streitet über sein Denkmal

Die Leipziger hatten schon mal die Wahl: Die Bildkombo zeigt die Siegerentwürfe (v.o.) für das Leipziger Freiheitsdenkmal von Marc Weis und Martin de Mattia aus München, von Jan Edler und Tim Edler aus Berlin und von Tina Bara und Alba d'Urbano aus Leipzig. Die drei Siegentwürfe des Wettbewerbs – bunte, wegtragbare Würfel, eine Demokratie-Werkstatt und ein Herbstgarten mit Apfelbäumen – kamen nicht überall gut an.
Die Leipziger hatten schon mal die Wahl: Die Bildkombo zeigt die Siegerentwürfe (v.o.) für das Leipziger Freiheitsdenkmal von Marc Weis und Martin de Mattia aus München, von Jan Edler und Tim Edler aus Berlin und von Tina Bara und Alba d'Urbano aus Leipzig. Die drei Siegentwürfe des Wettbewerbs – bunte, wegtragbare Würfel, eine Demokratie-Werkstatt und ein Herbstgarten mit Apfelbäumen – kamen nicht überall gut an. FOTO: Oliver Killig dpa
Leipzig. Berlin bekommt nun doch seine Einheitswippe. Bekommt Leipzig dann auch seine Freiheitswürfel? Und wo nun eigentlich? Christine Keilholz / ckz1

Das lange geplante Denkmal für die friedliche Revolution von 1989 soll eine neue Chance bekommen. Die vor einer Woche verkündete Entscheidung der Großen Koalition in Berlin sorgt seit Tagen für Aufregung im sächsischen Leipzig. Das Freiheits- und Einheitsdenkmal soll aus zwei Teilen bestehen. Neben der sogenannten Bürgerwippe vor dem Berliner Stadtschloss soll auch die Stadt der Montagsdemonstrationen einen zentralen Ort des Gedenkens bekommen. Doch über das Denkmal und den genauen Ort konnte sich Leipzig nie einig werden.

Ein alter Streit geht nun von vorn los. "Das Denkmal zur Erinnerung an das Jahrhundertereignis Friedliche Revolution gehört auf einen zentralen Platz inmitten der Stadt, den Augustusplatz", heißt es in einem Leserbrief an die Leipziger Volkszeitung. Ein anderer Kommentator hat keine Lust mehr. "Wir Leipziger hatten unsere Chance", schreibt ein Peter auf der MDR-Homepage, "wir haben es einfach vermasselt." Die Chance nämlich, "fast zum Nulltarif" auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz südlich des Zentrums einen kleinen Park anzulegen, wo an die Ereignisse von 1989 erinnert werden sollte.

So hatte es sich Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) gewünscht. Dass aber ausgerechnet eine Brache südlich des Zentrums die Ehre haben sollte, das Denkmal zu tragen, regt viele Mitstreiter von 1989 auf. Der Wilhelm-Leuschner-Platz hat mit den Ereignissen von 1989 wenig zu tun. Trotzdem sieht Jung nun in der Berliner Entscheidung ein klares Zeichen für einen Neuanfang auch in Leipzig. Es stehe nun fest, "dass auch in Leipzig Geld zur Verfügung stehen wird, um ein gesamtdeutsches, europäisches Denkmal in Leipzig zu errichten", sagte Jung im MDR. Man könne nun in die nächste intensivere Planung gehen.

Dafür hat Jung nun eine neue Location ins Gespräch gebracht, nämlich der Matthäikirchhof am Museum der Runden Ecke. Das Areal der ehemaligen Leipziger Stasi-Zentrale ist gerade als neues Archiv für die Stasi-Unterlagen im Gespräch. Die Stadt plant dort einen "Campus der Demokratie" - womit sich das Denkmal verbinden ließe. Die ersten Reaktionen aus der Bürgerschaft fallen allerdings ungünstig aus. In einer Ted-Umfrage der Leipziger Volkszeitung waren 64 Prozent von 1600 Lesern gegen ein Denkmal am Matthäikirchhof. Die Links-Partei fordert bereits einen Bürgerentscheid.

Ziemlich alles ist schiefgelaufen bei diesem so gut gemeinten Projekt. 2007 beschloss der Bundestag den Bau von zwei Denkmalen in Berlin und Leipzig. Im Herbst dieses Jahres, zum 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution, sollten die Monumente fertig sein. Für das Leipziger Projekt machte der Bund fünf Millionen Euro locker, der Freistaat Sachsen weitere 1,5. Als dann die Auswahljury ihren favorisierten Entwurf präsentierte, waren die Leipziger schwer entgeistert. Sie wollten keine 70 000 bunten Würfel, die das Berliner Architektenbüro Annabau und M+M entworfen hatte.

Als dem Rathaus der Ärger zu viel wurde, wählte man nochmal. Und entschied sich für Variante 3 mit dem Titel "Herbstgarten". Sehr zum Ärger der Berliner Architekten, die vor Gericht gingen. Das Projekt "teilt die Menschen, anstatt zu einen", erklärte eine Bürgerinitiative aus namhaften Leipzigern. Das "unwürdige Wettbewerbsverfahren" müsse komplett beerdigt werden.

2014 forderte das Oberlandesgericht eine Wiederholung der zweiten Auswahlrunde, seitdem ist wieder alles offen. Fast drei Jahre lang tat sich gar nichts. Fraglich, ob der zweite Anlauf nun besser gelingt.