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Leben retten leicht(er) gemacht

Was tun? Fast die Hälfte der Deutschen hat Angst, am Unfallort etwas Falsches zu tun.
Was tun? Fast die Hälfte der Deutschen hat Angst, am Unfallort etwas Falsches zu tun. FOTO: dpa
Cottbus/Dresden. Künftig dauern Erste-Hilfe-Kurse nur noch einen Tag statt bisher zwei. Aus 16 Unterrichtsstunden werden neun. Die Kurs-Anbieter sehen in der Neuregelung vor allem Vorteile, auch wenn die Theorie deutlich gekappt wird. Daniel Schauff

"Die berühmten fünf W muss man nicht zwingend beherrschen", sagt Thomas Powasserat vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) - und dürfte damit jeden Erste-Hilfe-Kursteilnehmer erschrecken, der gewissenhaft die fünf W gepaukt hat. Beim Notruf, so Powasserat, würde man ohnehin vom Mitarbeiter in der Rettungsleitstelle durch den Anruf geleitet. Wichtiger, so der DRK-Mann, sei die Praxis.

Was tun bei einem Notfall? Fast die Hälfte der Deutschen haben Angst, etwas Falsches zu tun, wenn etwa Unfallopfer auf ihre Hilfe angewiesen sind. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Forsa-Umfrage. Ein unhaltbarer Zustand, darüber sind sich die Anbieter von Erste-Hilfe-Kursen einig.

Besser auf Notfälle vorbereiten
Künftig sollen die Kurse die Teilnehmer besser auf den Notfall vorbereiten. Und das, indem die Kurse deutlich gekürzt werden. Statt bislang 16 Unterrichtsstunden werden Teilnehmer an Erste-Hilfe-Kursen künftig nur noch neun Stunden absolvieren müssen. Die Idee dahinter: Der theoretische Teil der Kurse soll nahezu wegfallen, dafür soll weitaus mehr Wert auf die Praxis gelegt werden. "Anatomische und physiologische Hintergründe, deren Vermittlung bislang oftmals von Fachgesellschaften gefordert wurde, bleiben außen vor", heißt es beim Malteser Hilfsdienst in Cottbus. Der Schwerpunkt liege somit im konkreten Handeln. Sprich: Warum eine Herzdruckmassage wirkt, ist weniger wichtig, als die Herzdruckmassage sicher zu beherrschen. Das könnten die Kursteilnehmer künftig bereits nach der ersten Doppelstunde, so Matthias Müller, Ausbildungsleiter bei den Cottbuser Maltesern. "Mit den neuen Kursen wird dafür gesorgt, dass die konkret praktischen Erste-Hilfe-Handlungen intensiver trainiert werden, damit die Bürger im Ernstfall keine Hemmungen haben, die Verletzten zu versorgen und Leben zu retten", sagt auch Ralf Loges, Abteilungsleiter Fort- und Weiterbildung des DRK Bildungswerk Sachsen.

Die Johanniter-Unfallhilfe Südbrandenburg hat anlässlich der Veränderung der Vorschriften für Erste-Hilfe-Kurse einen neuen Ansatz entwickelt, bei dem die Kursteilnehmer abwechselnd die Perspektive von Retter und Betroffenen einnehmen sollen. "Wir hoffen, dadurch den Menschen die Angst vor dem Helfen zu nehmen", sagt Ivonne Mikolajek, zuständig für die Ausbildung bei den Johannitern in Südbrandenburg.

Weitere Änderungen

Für Führerscheinanwärter gilt die Änderung noch nicht - wer eine Pkw- oder Motorrad-Fahrerlaubnis macht, muss - im Gegensatz zu Lkw- oder Busfahrern - zunächst weiterhin nur acht Stunden lang lernen, was im Notfall zu tun ist. Bislang ist für Auto- und Motorradfahrer nur ein Kurs in lebensrettenden Sofortmaßnahmen am Unfallort vorgeschrieben, der gleichsam ein Grundkurs in Erster Hilfe ist. Aber auch das wird sich noch im Laufe des Jahres ändern. Künftig werden Führerscheininhaber eine Stunde länger für den Erste-Hilfe-Kurs investieren müssen.

Ivonne Mikolajek begrüßt auch diesen Schritt: "Die Anforderungen an Ersthelfer am Unfallort sind immer dieselben - deshalb kann es aus unserer Sicht nur eine Erste-Hilfe-Ausbildung geben", sagt sie.

Zum Thema:
Erste-Hilfe-Kurse (etwa für Bus- und Lkw-Fahrer) und Kurse in lebensrettenden Sofortmaßnahmen am Unfallort (LSMU, für Pkw- und Motorradfahrer) unterscheiden sich im Umfang, Erste-Hilfe-Kurse dauerten bislang 16 Stunden, LSMU-Kurse acht. Vorerst werden nur Erste-Hilfe-Kurse gestrafft, im Laufe des Jahres sollen LSMU-Kurse dann auf neun Stunden verlängert werden und praxisnäher werden. Hilfsorganisationen empfehlen, Erste-Hilfe-Kurse alle fünf Jahre aufzufrischen.