ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 20:26 Uhr

Landtagswahl in Sachsen
Kretschmer – der Kümmerer und Hoffnungsträger

 Was geht, was nicht geht – Michael Kretschmer versucht, den Bürgern seine Politik zu erklären.
Was geht, was nicht geht – Michael Kretschmer versucht, den Bürgern seine Politik zu erklären. FOTO: dpa / Jan Woitas
Dresden. Erst seit 2017 im Amt, verpasste der 44-Jährige der Sachsen-CDU einen anderen Stil. Bei vielen Bürgern im Land kommt das durchaus an, wie auch die Wahl zeigte. Von Christine Keilholz

Erschöpft und erleichtert trat Michael Kretschmer am Wahlsonntag vor seine Partei. „Das freundliche Sachsen hat gewonnen“, stellte er zufrieden fest. Da steckten dem Regierungschef und Spitzenkandidaten endlose Wochen Graswurzel-Wahlkampf in den Knochen. Hunderte Hände hat er geschüttelt, Hunderte Würste gegrillt. Der Vier-Tage-Bart ist sein Markenzeichen geworden, wie auch der übermüdete Blick. So sieht einer aus, der sich einsetzt. Es hat sich gelohnt. Kretschmer kann Ministerpräsident bleiben.

Selbstverständlich war das nicht. Mit einer AfD auf den Fersen, die in den Umfragen zeitweise gleichauf lag, und die sich schon als Wahlsieger sah. „Mit Liebe für Sachsen“ hatte Kretschmer auf seine Plakate schreiben lassen – und die Sachsen lieben ihn zurück. 32,1 Prozent der Wähler machten ihr Kreuz bei der CDU - das ist nicht viel im Vergleich mit früheren Wahlen. Aber es ist Kretschmers Verdienst.

Der 44-Jährige hat der sächsischen Regierungspartei einen neuen Stil gegeben. Seit der verlorenen Bundestagswahl 2017 steckte der Landesverband in einer tiefen Sinnkrise. Kretschmer setzte auf eine neue Identität als Kümmererpartei. Zwei Jahre lang tourte er durchs Land. Er hat Firmen eröffnet, Fördermittel überreicht und Hände geschüttelt. Selbst die krudesten Wortmeldungen hat er sich geduldig angehört. Kretschmer spielte die volle Klaviatur der menschlichen Begegnung, und nicht erst im Wahlkampf.

Seit er 2017 von seinem glücklosen Vorgänger Stanislaw Tillich übernahm, fährt Kretschmer Attacke. Es sind Attacken von Verständigung. Er preist die Leistungsbilanz seiner Partei im Freistaat - um den Ärger der Basis über die Bundespolitik aufzufangen.

Politik ist mit ihm erreichbarer geworden. Die Leute wollen ihre Politiker sehen, sie wollen ihnen die Meinung geigen. Kretschmers Vorgänger hatten kein Händchen dazu. Kurt Biedenkopf ließ sich als Landesvater feiern. Tillich verlor den Draht zu den Sachsen, als das rassistische Protestbündnis Pegida aufkam, und merkte es zu spät.

Lange Jahre hatte Sachsens CDU keinen Grund zum Selbstzweifel. Die konkurrenzlose Macht gehörte zu ihrem Identitätskern. Mit knapp 11 000 Mitgliedern ist der Landesverband klein im Bundesvergleich – im Osten aber eine prägende Kraft. Kretschmer hat die Sachsen-CDU 15 Jahre im Bundestag vertreten, bevor er 2017 seinen Wahlkreis Görlitz an den AfD-Mann Tino Chrupalla verlor. Das war eine Zäsur in einer bis dahin stolperfreien Polit-Karriere. Trotzdem schaffte es Kretschmer, sich nur wenige Wochen nach der Niederlage als einzig möglichen neuen Ministerpräsidenten in Stellung zu bringen.

Er ist eines der Polit-Talente, das die CDU außerhalb Berlins hat. Der gelernte Wirtschaftsingenieur aus Görlitz ist strammer Parteisoldat und gewiefter Strippenzieher. Als langjähriger Generalsekretär diente er unter drei Ministerpräsidenten. Selbst Parteifreunde, die ihn nicht mögen, nennen ihn fleißig und unermüdlich. Er hat gelernt, die eigenwillige Sachsen-CDU verlässlich zu lenken. Nach außen vertritt er das Selbstbewusstsein im Ost-Musterländle Sachsen. Innen hält er die CDU-Querschläger in Schach, die auch mal gern mit vorgestrigen Parolen punkten oder sich Wahlkampfhilfe vom Ex-Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen holen. Kretschmer genießt Vertrauen. Immer wieder beharrte er darauf, kein Bündnis mit der AfD einzugehen. Das machte die CDU für die vielen Liberalen wählbar, die am Sonntag gegen die AfD stimmen wollten.

Eine gewisse Wurzelknurpsigkeit ist der sächsischen CDU eigen. In seinen lokalen Verästelungen wirkt der Landesverband oft bemitleidenswert provinziell. Man gibt sich erdverwachsen und heimatliebend, hält Familie hoch und schätzt das selbst Erarbeitete. Darauf immerhin können sich konservative und liberale Teile der Partei einigen. Wie auch darauf, dass sie einen wie Kretschmer an der Spitze braucht. Einen Hoffnungsträger, der ihren Freistaat auch auf dem großen Parkett vertreten kann. Der in Berlin Projekte aushandeln kann. Der, wenn es sein muss, neben Wladimir Putin eine gute Figur macht. So sah es die Mehrheit der Sachsen bei dieser Wahl auch.

Mehr zur Landtagswahl:

Wahlergebnis: SPD siegt in Brandenburg, AfD in der Lausitz

So hat Sachsen gewählt: AfD in der Oberlausitz vorn

Landtag Sachsen: AfD darf ein Landtagsmandat nicht besetzen

Nach der Wahl: Diese Koalitionen sind jetzt in Brandenburg und Sachsen möglich

Nach der Wahl: Diese Köpfe vertreten die Lausitz künftig in Potsdam und Dresden

Wahltrends: Die Zukunft ist grün und ohne Merkel geht es nicht

Live-Radio aus Cottbus: Wie weiter nach der Landtagswahl?