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| 01:01 Uhr

Kontroverse um Zahl der Dresdner Bombenopfer

Mitte Februar wird Dresden wieder mit dem traurigsten Kapitel seiner Geschichte im Rampenlicht stehen. Am 13. und 14. des Monats jährt sich zum sechzigsten Mal die Zerstörung der Stadt durch alliierte Bomber. Rechtsextremisten wollen den Gedenktag wieder für Aufmärsche missbrauchen, und abermals wird eine alte Debatte aufflammen: „Wie viel starben„ Wer kennt die Zahl““, wie eine Gedenktafel auf dem Ehrenhain des Heidefriedhofes fragt. Von Sven Heitkamp

Tatsächlich ist die Opferzahl wegen der Kriegslage und der zigtausenden Flüchtlinge, die auf der Durchreise in Dresden waren, umstritten. Während Rechtsextremisten die Zahl der Toten auf bis zu 500 000 hochtreiben, um die historische Last der Briten und Amerikaner als "Holocaust" umzudeuten, gehen linke Kreise eher von niedrigeren Angaben aus. Das Rathaus erhält wöchentlich 20 bis 30 Briefe aus dem In- und Ausland zu dem Thema. Erst zum jüngsten Deutschland-Besuch der englischen Queen flammte die Debatte um eine Entschuldigung und damit um die Opfer wieder auf.

Zahlen schwanken stark
In seinen Antwortschreiben betont Rathaussprecher Kai Schulz indes, dass beim Angriff "mindestens 25 000 Menschen" ums Leben gekommen seien. Die Verwaltung beruft sich dabei auf Bestattungs-Akten und eine Publikation des Stadtmuseums (Friedrich Reichert: "Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit. Die Zerstörung Dresdens 1945"). Schon die Zahl von 35 000 Toten, die der Leiter eines der acht Bergungstrupps angab, wird für zu hoch gehalten.
Um die brisante Zahl von unabhängiger Seite klären zu lassen, hat Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) jetzt eine namhaft besetzte Historikerkommission berufen, die sich der Nachforschungen annimmt. Ihr Leiter ist der Wissenschaftliche Direktor des Militärhistorischen Forschungsamtes der Bundeswehr in Potsdam, Rolf-Dieter Müller - jener Historiker, der schon für eine Revision der Wehrmachtsausstellung von Jan Philipp Reemtsma sorgte. Weitere Kommissionsmitglieder sind Wolfgang Fleischer vom Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden, Buchautor Götz Bergander ("Dresden im Luftkrieg"), Thomas Wiedera vom Hannah-Arendt-Institut, Luftkriegsexperte Horst Boog und Stadtarchiv-Leiter Thomas Kübler. Die Expertengruppe soll bis zum 800-jährigen Stadtjubiläum 2006 eine verlässliche Antwort vorlegen.
"Wir werden sicher keine präzise Zahl finden. Denn es kann keine amtliche Wahrheit geben", sagt Kommissionsleiter Müller gegenüber unserer Zeitung. Aber die Historiker wollten einen amtlichen Abschlussbericht vorlegen und einen möglichst engen Korridor beschreiben. Nach dem Stand der Dinge rechne auch er mit einer Zahl von eher 25 000 Toten als von 35 000. "Aber wir gehen ergebnisoffen an die Frage. Wenn es 100 000 Opfer waren, müssen wir das auch zur Kenntnis nehmen", betont Müller.

Workshop zu Bombenangriffen
Mitte Januar ist während eines Workshops zu Angriffen auf Dresden am Hannah-Arendt-Institut eine weitere Sitzung der Kommission geplant. Danach wollen die Historiker an die Öffentlichkeit gehen und um Zeitzeugenberichte, Quellen, Dokumente und Stellungsnahmen bitten. Im Herbst ist dann ein großes Symposium geplant.
Das Forschen nach genauen Opferzahlen sieht Müller als berechtigt an. Dieses Vorgehen habe sich etwa bei Wolfgang Benz' Dokumentation zur Ermordung der sechs Millionen Juden ebenso erwiesen wie bei der Klärung des Soldaten-Massakers im Wald von Katyn. Und auch bei den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon 2001 war zunächst von bis zigtausend Toten die Rede. Letztlich waren es etwa 3300. "Es geht nicht um Zahlenspielerei und überzogene Gelehrsamkeit", sagt Müller. "Dresden ist zu einem internationalen Symbol des Bombenkrieges geworden, das mit Spekulationen überfrachtet ist. Daher ist eine seriöse und intensive Untersuchung angemessen."