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Kompletter Neubeginn beim Einheitsdenkmal?

Leipzig. Bis jetzt hat das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal nur Zwietracht gesät. Die meisten Bürger lehnen den Siegerentwurf ab. Das Oberlandesgericht lehnt das Auswahlverfahren ab. Jetzt deutet vieles auf einen kompletten Neuanfang hin. Christine Keilholz

Das will eine Bürgerinitiative aus namhaften Bürgern der Stadt, die sich nun in einem offenen Brief an die Spitzen von Bund, Freistaat und Stadt wendet. Das ganze Projekt, wie es bis jetzt gelaufen ist, "teilt die Menschen, anstatt zu einen", heißt es in dem Schreiben. Geschickt wurde es an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundespräsident Joachim Gauck, Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und an Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD).

Das "unwürdige Wettbewerbsverfahren" müsse komplett beerdigt werden. Die Kritik ist nicht nur grundsätzlich, sondern auch geschmacklich. Die eingereichten Entwürfe würden dem würdevollen Gedenken an 1989 in keiner Weise gerecht, so die Verfasser. Unterschrieben haben mehr als 200 Leute, darunter der Dirigent Kurt Masur und der Kabarettist Bernd-Lutz Lange.

Auch aus der regierenden SPD werden Stimmen laut, die sich von dem Projekt distanzieren. So forderte der SPD-Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber in einem offenen Brief an Oberbürgermeister die Aussetzung des Verfahrens. Auch der Chef der SPD-Stadtratsfraktion, Axel Dyck, sieht viele Gründe für die Unmöglichkeit, das Bauvorhaben derzeit zu realisieren. Vieles deutet auf einen kompletten Neubeginn hin.

Das würde bedeuten, den 2007 gestarteten Zug namens Freiheits- und Einheitsdenkmal wieder zurück in den Startbahnhof zu fahren - und dabei viel Geld zu verbrennen. Damals beschloss der Bundestag den Bau von zwei Denkmalen in Berlin und Leipzig. Im Herbst dieses Jahres, zum 25. Jahrestag der friedlichen Revolution, sollten die Monumente fertig sein. Für das Leipziger Projekt machte der Bund fünf Millionen Euro locker, der Freistaat Sachsen weitere 1,5. Als dann die Auswahljury ihren favorisierten Entwurf präsentierte, waren die Leipziger schwer entgeistert. Der Entwurf "70 000" des Berliner Architektenbüros Annabau und M+M ist nicht nur den Traditionalisten zu bunt und zu schräg: 70 000 lustige Würfel sollen an die Menschen erinnern, die im Herbst 1989 auf die Straße gingen. Als dem Rathaus der Ärger zu viel wurde, wählte man nochmal. Und entschied sich für Variante 3 mit dem Titel "Herbstgarten". Sehr zum Ärger der Berliner Architekten, die vor Gericht gingen.

Nachdem das Oberlandesgericht Ende Februar eine Wiederholung der zweiten Auswahlrunde forderte, ist nun wieder alles offen. Nun melden sich auch wieder jene zu Wort, die das Projekt von Anfang an überflüssig fanden. Da spricht Leipzigs Linken-Chef Volker Külow von einem "Staatsdenkmal, das den Leuten von oben aufoktroyiert wurde" - und fordert einen Bürgerentscheid über Denkmal oder nicht Denkmal. Mit einem entsprechenden Antrag sind die Linken bereits 2012 im Stadtrat durchgefallen, jetzt haben sie einen neuen eingereicht.

Viele Leipziger stört indes die Halbherzigkeit des ganzen Projekts. Vor allem der Ort, an dem es entstehen soll. Der Wilhelm-Leuschner-Platz hat eigentlich mit den Ereignissen von 1989 wenig zu tun. Doch liegt dort eine Brache, mit der das Rathaus sonst nichts besseres anzufangen wüsste.