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Demografie
Kleinstädte auf dem Rückzug

Viele haben Ludwigslust den Rücken gekehrt. Meck-Pom ist vom Wegzug besonders betroffen.
Viele haben Ludwigslust den Rücken gekehrt. Meck-Pom ist vom Wegzug besonders betroffen. FOTO: Jens Büttner / dpa
Leipzig. Städte zwischen 10 000 und 20 000 Einwohnern haben es besonders schwer. Fast ein Drittel von ihnen hat immer weniger anzubieten. Schuld daran sind Kreisreformen, hat eine Studie ermittelt. Von Christine Keilholz

Fast ein Drittel der deutschen Kleinstädte hat seit der Jahrtausendwende immer weniger anzubieten, weil dort die öffentlichen Dienstleistungen eingedampft werden. Zahlen dazu hat das Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde in seinem „Nationalatlas aktuell“ zusammengeführt.

Demnach sind vor allem ostdeutsche Kleinstädte von der Schließung wichtiger Verwaltungseinrichtungen betroffen. Aber auch Angebote von Bildung, Kultur und Gesundheitswesen gehen laut Studie in diesen Städten merklich zurück.

Das Institut schaute sich insbesondere die Standortfaktoren an, die über die allgemeine Grundversorgung hinausgehen. Ob Städte also über ein Gymnasium und eine Volkshochschule verfügen, ob ein Amtsgericht am Ort sitzt oder eben eine Kreisverwaltung. Auch Kliniken mit stationärer Behandlung sind wichtig, damit eine Stadt das Umland mit versorgen kann. Städte, die über alle diese fünf Einrichtungen verfügen, gibt es immer weniger, so der Befund.

Von 478 in die Untersuchung einbezogenen Kleinstädten haben in den vergangenen Jahren 148 Städte an zentralörtlicher Bedeutung verloren. Städte mit Bedeutungsverlust gibt es demnach im Osten der Republik auffällig viele.

Besonders betroffen sind Städte in Mecklenburg-Vorpommern, wo 2011 eine Kreisgebietsreform stattfand. Auf einen Schlag verloren dort etliche Städte zentrale Funktionen, als die SPD-Landesregierung aus zwölf Kreisen sechs machte. Dabei wurden auch einige Amtsgerichte geschlossen.

Auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt, in denen ebenfalls Kreisgebietsreformen stattfanden, waren Kleinstädte von der Schließung von Kreisverwaltungen und Amtsgerichten betroffen. Brandenburg, das an einer Reform vorbeigeschlittert ist, verzeichnet Verluste, weil sich aus vielen Kleinstädten die Volkshochschulen zurückzogen oder Amtsgerichte und Krankenhäuser geschlossen wurden.

Überhaupt führen die Macher des Atlasses die Degradierung zentraler Kleinstädte auf Entscheidungen der Landespolitik zurück. „Dies ist umso bedenklicher, als eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Zukunftsaufgaben die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in ganz Deutschland ist“, heißt es in der Studie.

Dahinter steckt die Überlegung, dass Orte ohne bürgernahe Verwaltung, hochwertige Bildungsangebote und umfassende medizinische Versorgung auf Dauer nicht mithalten können. Daher seien „der gegenwärtige Rückzug des Staates aus der Fläche“ und die Ausdünnung stationärer Versorgung eher „kontraproduktiv“. Ziel sollte vielmehr die Stärkung der Lebensqualität in den Kleinstädten sein.

Auch um die Abwanderung in die Metropolen zu stoppen. Mehr als die Hälfte der vier Millionen Sachsen konzentrieren sich in den Verdichtungsräumen um Dresden, Leipzig und Chemnitz. Sie konzentrieren sich damit auf nur auf 17 Prozent der Landesfläche. In den übrigen Oberzentren hat sich der Rückgang der Einwohner etwas verlangsamt, hier leben rund 40 Prozent der Sachsen. Gute Wachstumschancen haben Mittelzentren nahe bei Leipzig und Dresden. Kleinere Mittelzentren haben es schwerer. Sie machen in Sachsen noch 20 Prozent des Lebensraums aus, aber mit sinkender Tendenz.

Auch um westdeutsche Kleinstädte steht es laut der Studie des Leibniz-Instituts nicht zum Besten. So gingen in Hessen die Hälfte der Amtsgerichte und fast jedes dritte Gymnasium verloren. Besser dran sind Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, wo durch den Ausbau von Bildungseinrichtungen in der Fläche viel erreicht werden konnte.

In den rund 500 Kleinstädten in Deutschland – Städte mit 10 000 bis 20 000 Einwohnern – leben rund neun Prozent der Bevölkerung, also rund 7,5 Millionen Menschen. Die Kleinstädte prägen ganz wesentlich die Siedlungs- und Raumstruktur, wo sich Arbeitsplätze, soziale und administrative Infrastruktur sowie von Handel und Industrie konzentrieren.