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| 02:41 Uhr

"Keine Hinweise in ein rechtsradikales Milieu"

U-Ausschüsse in sieben Bundesländern versuchen die Mord- und Gewalttaten der rechtsextremen Terrororganisation NSU und damit verbundenes Behördenversagen aufzuklären. Viele Fragen sind bis heute offen.
U-Ausschüsse in sieben Bundesländern versuchen die Mord- und Gewalttaten der rechtsextremen Terrororganisation NSU und damit verbundenes Behördenversagen aufzuklären. Viele Fragen sind bis heute offen. FOTO: dpa
Dresden. Zwei Staatsanwälte wehren sich in Sachsens Untersuchungsausschuss dagegen, Teil des Behördenversagens gewesen zu sein, das die NSU-Terroristen jahrelang gewähren ließ. Christine Keilholz / ckz1

Karin Dietze ist Staatsanwältin seit 1981. Der Raubüberfall auf einen Edeka-Markt in Chemnitz am 18. Dezember 1998 war für sie ein Fall von vielen. Zwei Schüsse fielen dabei, eine Person wurde verletzt, die Täter erbeuteten 30 000 Mark. Ein politisches Motiv, sagt Dietze heute, sei nicht erkennbar gewesen.

Nichts hätte auf eine Serientat schließen lassen. Jahrelang kam die Polizei in dem Fall nicht weiter. Erst 2012 wurde schlagartig alles klar, im Zuge der Ermittlungen zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Die Täter waren demnach Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos und der Chemnitzer Edeka-Überfall der erste einer ganzen Serie von Raubüberfällen, mit denen die Terrorgruppe ihr Leben im Untergrund finanzierte.

Von diesem Zusammenhang ahnte Staatsanwältin Dietze damals nichts. Auch mit 18 Jahren Abstand war sie doch überrascht, dass sie vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im Dresdner Landtag aussagen sollte. Ihr sei vorher "nicht bewusst" gewesen, dass sie mit einem der NSU-Fälle vertraut war, sagte die 59-Jährige am Montag im Ausschuss. Als Oberstaatsanwältin bearbeite sie bis zu 300 Fälle im Monat, vom geklauten Fahrrad bis zu Raubstraftaten. Zu dem besagten Überfall fehlten ihr die Erinnerungen. Die Ermittlungen, sagt sie, habe damals das Raubdezernat der Polizei Chemnitz geleitet. Wenn man dort "irgendeinen Hinweis auf dieses Terrortrio gehabt hätte, würden wir hier heute nicht sitzen", ist Dietze überzeugt.

In Sachsen tauchten die drei Terroristen 1998 unter und lebten weitgehend unbehelligt, bis im November 2011 ihr Wohnhaus in Zwickau in die Luft flog. Erst danach wurde den Behörden schlagartig klar, dass das Trio für bundesweit zehn ungeklärte Morde an Migranten und einer Polizistin verantwortlich sein könnte, wie auch für mehrere Banküberfälle in der Umgebung. Böhnhardt und Mundlos starben in einem Wohnmobil in Eisenach, gegen ihre mutmaßliche Komplizin Beate Zschäpe läuft vier Jahren in München ein Mammutprozess.

Von ihrem wohl ersten Überfall indes fehlen wichtige Unterlagen. Warum und wohin die Akten verschwunden sind, das wollte der Ausschuss in seiner 17. Sitzung von Karin Dietze wissen. Die erinnerte sich nur an das Hochwasser von 2002, als das Archiv der Chemnitzer Staatsanwaltschaft unter Wasser stand.

Sie habe damals Wochenenden lang durchweichtes Papier auf dem Hof getrocknet, erzählte Dietze. Alles konnte nicht gerettet werden. Gerüchte, die Staatsanwaltschaft habe die Akten verschwinden lassen, waren früh in der Welt. Selbst die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft zum Münchner Prozess wirft der Staatsanwaltschaft Chemnitz vor, Unterlagen "vernichtet" zu haben.

Das wies am Montag auch Staatsanwalt Klaus Schlarb von sich. Auch Schlarb war 1998 mit dem Edeka-Fall beschäftigt. Es habe, so der 53-Jährige, "keinerlei Hinweise in ein rechtsradikales Milieu" gegeben.