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| 02:56 Uhr

Katastrophenschützer üben an der Neiße

Die Einsatzkräfte übergeben den Patienten im Zelt zur Dekontamination.
Die Einsatzkräfte übergeben den Patienten im Zelt zur Dekontamination. FOTO: Lovis-Marie Trummer
Görlitz. Tsunami, Erdbeben, Überschwemmungen – bei großflächigen Katastrophen ist es wichtig, dass Einsatzkräfte aus oftmals unterschiedlichen Ländern reibungslos zusammenarbeiten. Damit dies gelingt, müssen zahlreiche Techniken und Standards geübt und kommuniziert werden. Das Fraunhofer-Institut trainierte gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz das Szenario Hochwasser am Samstag in Görlitz. Lovis-Marie Trummer

Nahe der Stadthalle, am Ufer der Neiße, ist eine große Absperrung errichtet worden. Für den Samstag um 10.30 Uhr ist hier das Training eines EU-Katastrophenschutzprojektes angesetzt. Nur involvierten Mitarbeitern und ausgewählten Beobachtern ist der Zutritt gestattet, denn hier will man heute ungestört einen Feldversuch durchführen.

Das Szenario: Ein Hochwasser ist über die Ufer getreten. Dabei wurde ein Chemiewerk überflutet. Giftige Chemikalien gelangen in die Neiße und verseuchen diese großflächig. Die betroffenen Personen müssen aus dem Wasser gerettet, an Land gebracht, registriert und dekontaminiert werden. Viele Zelte sind aufgebaut, in denen die einzelnen Stationen der Rettung durchgeführt werden. Zahlreiche Feuerwehrfahrzeuge, Krankenwagen und an die 100 Einsatzkräfte stehen auf ihren Positionen bereit.

Im Katastrophenschutztraining arbeiten Rettungskräfte aus Deutschland und Polen Seite an Seite. Überprüft wird das Geschehen von offiziellen Partnern des Forschungsprojektes Idira (Interoperabilität von Daten und Verfahren in multinationaler Katastrophenhilfe). Das von der Europäischen Union geförderte Vorhaben steht unter der Führung des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme unter Beteiligung des Deutschen Roten Kreuzes. Innerhalb der Laufzeit von Mai 2011 bis April 2015 wurden bereits einige Szenarien trainiert, so zum Beispiel vor drei Wochen in Österreich das eines Tsunamis oder im kommenden November in Italien der Fall Erdbeben. Insgesamt 18 Organisationen aus sieben EU-Staaten arbeiten am Projekt mit.

Die Testbedingungen in G örlitz sind so real wie möglich. Ein Boot mit Wasserrettungskräften holt einen jungen Mann aus den Fluten und bringt ihn an Land. Per Tablet und Funk teilen Abschnittsleitende dem System mit, wann welcher Schritt erfolgt ist. Aufgrund der chemischen Giftstoffe im Wasser müssen alle Beteiligten aus dem Boot umgehend durch die Feuerwehr dekontaminiert werden. Zunächst wird der Patient im ersten Zelt von Einsatzkräften in weißen Schutzanzügen und Mundschutz aufgenommen. Auf einer Trage und mit der ausgefüllten Karte für Verletzte und Kranke um den Hals gelangt er in das nächste Zelt. Hier erfolgt die Abnahme der Kleidung durch Rettungskräfte in Ganzkörperschutzanzügen und Sauerstoffmasken. Um den Patienten vor Unterkühlung und Nässe zu schützen, wird ihm eine Rettungsdecke übergelegt. Der darunter nackte Patient wird nun der Feuerwehr zur Dekontamination übergeben. Diese erfolgt durch Abduschen der Giftstoffe am Körper in Zelt Nummer drei. An der vierten Station erhält der Patient durch das DRK medizinische Versorgung und ärztliche Betreuung. Anschließend erfolgt die Aufnahme in das Personenauskunftswesen, dieses soll eine verbesserte und schnellere Auskunft für Angehörige ermöglichen. Schließlich wird der Patient zur weiteren Behandlung abtransportiert werden .

Die über die Tablets eingetragenen Informationen und Uhrzeiten machen es möglich, die Abläufe nachzuvollziehen. Neben der Einsatzleitungszentrale können alle Helfer die Situation n Standpunkt der einzelnen Rettungseinheiten verfolgen.

Massimo Cristaldi fungiert als technischer Direktor. Er schätzt das Trainingsszenario zu 60 Prozent als realistisch ein - "es ging ja auch darum, das technische System zu testen". Der Reifegrad TRL (Technology Readiness Level) des Projekts läge ungefähr bei einem Wert von sechs, das heißt: Prototyp in Einsatzumgebung. Auf einer Skala von eins bis neun sagt das TRL aus, wie weit die Technologie entwickelt ist. Dabei bedeutet eins Beobachtung und Beschreibung des Funktionsprinzips und neun das fertig qualifizierte Endprodukt.

Bis die neuen IT- und Kommunikations-Systeme tatsächlich im Katastrophenschutz integriert sind, kann es allerdings noch dauern. Vorher müssen sowohl auf der EU- als auch der Institutsebene zahlreiche Richtlinien und Prozesse durchlaufen werden.