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Jugendknast ohne Gitter plant Umzug

Tischfußball mit Hausvater Franz Steinert (l.) in der Gemeinschaftsunterkunft des Seehauses in Störmthal.
Tischfußball mit Hausvater Franz Steinert (l.) in der Gemeinschaftsunterkunft des Seehauses in Störmthal. FOTO: dpa
Störmthal. Von diesem Projekt gibt es nicht viele in Deutschland. Ein Jugendknast, der ohne Gitter und Einschluss auskommt. Doch viele wollen die jungen Gestrauchelten nicht in ihrer Nähe haben. Gitta Keil

Die Tage des Seehauses scheinen in Störmthal unweit von Leipzig gezählt. Das Projekt für straffällige Jugendliche will in einen Neubau umziehen und sich erweitern.

Am gefluteten Tagebau Hainer See will der Seehaus e.V. seine Anlage für junge verurteilte Straftäter bauen, als Nachbar der Gemeinde Neukieritzsch mitten im sächsischen Braunkohlegebiet.

Das Seehaus ist ein Jugendstrafvollzug in freien Formen. Er kommt ohne Gitterstäbe aus. Seit 2011 gibt es dieses Projekt in Sachsen. Träger ist der christliche Seehaus e.V., der im baden-württembergischen Leonberg bei Stuttgart seit 2003 das Mutterhaus des sächsischen Ablegers betreibt.

Ronny * lebt seit gut einem Jahr im Seehaus. Für ihn ist der Umzug kein Thema mehr. Er wird bis dahin das Seehaus verlassen haben. Doch die Zeit in der Einrichtung, in der momentan drei junge Männer leben, hat ihn motiviert. Bis zu sieben Jugendliche hätten Platz. Er will die Möglichkeit, vorzeitig entlassen zu werden, nicht nutzen. Im Gegenteil, er bleibt freiwillig noch vier Wochen länger.

"Sonst kann ich meinen Hauptschulabschluss nicht machen, und das will ich unbedingt", sagt Ronny. Er hatte gegen Bewährungsauflagen verstoßen und war dann wegen Drogenerwerbs zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Zeit sollte er im Jugendgefängnis Regis Breitingen absitzen. Doch dann entschied er sich für den Jugendstrafvollzug in freien Formen.

"Wir arbeiten sehr eng mit Regis Breitingen zusammen, und gemeinsam schauen wir, welche Jungen für das Seehaus geeignet sein könnten", sagt der Leiter der Einrichtung Steffen Hofmann. Doch der Aufenthalt in der Einrichtung mit Türen, die nicht abgeschlossen sind und Fenstern, die man einfach öffnen kann, ist kein Zuckerschlecken.

Vom frühen Morgen bis zum Schlafengehen gibt es einen strikt strukturierten Tagesablauf, der mit Frühsport beginnt. "Zu Anfang kommt man da überhaupt nicht hinterher", erzählt Ronny, der in der Lausitz zu Hause ist.

Die Jugendlichen leben in ihrer Wohngemeinschaft zusammen mit den Hauseltern Franz Steinert, dessen Frau und zwei Kindern. Sie geben wohl so manchem von den jungen Menschen erstmals eine Vorstellung davon, wie Familienleben sein kann. Ein geordnetes Leben mit einem Acht-Stunden-Arbeitstag und einem Familienleben durchzustehen - das ist es, was die Jungen im Seehaus lernen sollen, um nicht wieder straffällig zu werden.

Bisher waren seit der Eröffnung 17 Jugendliche in der Einrichtung. "Wir konnten jedem Jugendlichen eine Wohnung und eine Arbeit vermitteln und soweit wir es wissen, ist keiner von ihnen wieder im Gefängnis gelandet", sagt Hofmann. Allerdings - fünf junge Männer haben abgebrochen, zwei von ihnen hatten versucht wegzulaufen. "Nicht jeder kommt mit dem knallharten Tagesablauf zurecht", sagt Ronny lächelnd.

In Störmthal residiert der Knast ohne Gitter in einer früheren Einrichtung der Diakonie. "Störmthal war von Anfang an als Übergang gedacht. Doch die Suche nach einem neuen Standort zog sich länger hin als gedacht", erzählt Hofmann. Viel Gegenwind gab es von besorgten Einwohnern umliegender Gemeinden. In Borna etwa wurden Tausende Unterschriften gegen die Einrichtung gesammelt.

Auch in Störmthal hatte sich eine Bürgerinitiative gegen das Seehaus gegründet. Da böse Zwischenfälle aber ausblieben, habe sich die Lage beruhigt, sagt Hofmann. Er kam erst im Oktober vergangenen Jahres mit Frau und drei Kindern ins sächsische Seehaus. Davor war er Betriebsleiter im Mutterhaus mit fünf Ausbildungsbetrieben, mehreren Wohngemeinschaften und einem Wald- und Tierkindergarten, der vom Seehaus-Verein betrieben wird.

In Sachsen ist der Vollzug in freien Formen gesetzlich verankert. Das Justizministerium finanziert den laufenden Betrieb mit einer Million Euro jährlich. Den mit etwa fünf Millionen Euro veranschlagten Neubau am Hainer See muss der Verein allerdings selbst bezahlen.

Der endgültige Standort für den Neubau schien schließlich bei Neukieritzsch gefunden zu sein. Aber auch hier gibt es Zweifler, wie Bürgermeister Henry Graichen (CDU) jüngst sagte.

Nach Angaben der Stadt ist in dem Ort inzwischen ein Bürgerbegehren gegen das Projekt auf den Weg gebracht worden. Es wird derzeit geprüft. Ist es zulässig, gibt es voraussichtlich zu den Kommunalwahlen einen Bürgerentscheid.

Bürgermeister Graichen selbst sieht das Modellprojekt positiv. "Ich verspreche mir, dass die Jugendlichen besser auf das künftige Leben vorbereitet werden, damit die Gefahr, dass sie rückfällig werden, geringer ist, und dass sie auch andere Werte als Diebstahl und Drogen lernen", hatte der Kommunalpolitiker gesagt. Ein Kompromiss, auch im Sinne der besorgten Bürger war eigentlich schon gefunden: Statt für 42 soll das Seehaus nur für maximal 21 Jugendliche ausgelegt sein.

* Der Name wurde aus Gründen

des Persönlichkeitsschutzes geändert.