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| 19:30 Uhr

Interview mit Dresdner Theaterchef
„Wir bespielen den besetzten Raum“

Joachim Klement kam aus Braunschweig nach Dresden.
Joachim Klement kam aus Braunschweig nach Dresden. FOTO: dpa / Arno Burgi
Dresden. Joachim Klement, Intendant des Dresdner Staatsschauspiels, spricht über die Gegenbewegung zu Pegida und Co, den Riss durch die Bevölkerung in der sächsischen Landeshauptstadt und die Rolle seines Theaters in der gesellschaftlichen Debatte.

Bei den aktuellen Nachrichten aus Sachsen kann leicht der Eindruck entstehen, ein komplettes Bundesland sei sehr weit nach rechts abgedriftet. Aber –  wenig beachtet außer­halb Sachsens – es gibt eine sehr lebendige Gegenbewegung zu Pegida und Co. Darüber sprach die RUNDSCHAU mit dem Intendanten des Staatsschauspiels Dresden, Joachim Klement.

Herr Klement,  am vergangenen Sonnabend gab es im Rahmen der Aktion „So klingt Dresden“ das „Einsingen“ während des Saisoneröffnungsfestes ihres Theaters. Was genau hat da warum stattgefunden?

Klement Es war unter anderem eine Reaktion auf ein Treffen der Identitären Bewegung, die Dresden zur „Hauptstadt des Widerstandes“ erklären wollte und damit ganz bewusst mit Hitlers Inanspruchnahme von München als „Hauptstadt der Bewegung“ kokettiert. Wir finden das ungeheuerlich, unverschämt und dreist.

Die Identitären treten für ein möglichst weißes Europa ohne Fremdeinflüsse auf.

Klement Und zwar unter dem Motto „Europa Nostrum“ – unser Europa. Wir wollten zeigen, dass ihnen weder Europa noch Dresden gehören. Es gibt verschiedene Bündnisse, wie „Weltoffenes Dresden“ oder  „Dresden.Respekt“, die immer wieder zu Veranstaltungen aufrufen. Und am Sonnabend haben wir Dresden zum Klingen gebracht. Bürger, Chöre, die Philharmonie haben ganz unterschiedliche Lieder intoniert, um der Vielfalt der Stadt Ausdruck zu verleihen.

Es ist nicht die erste Aktion, die ein Gegengewicht zu der Pegida-Stimmung in Dresden schaffen soll – was haben Sie noch gemacht?

Klement Wir treten zum Beispiel am 13. Februar, dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens, der Instrumentalisierung dieses Tages durch Rechtsextreme entgegen. Nicht nur bei dieser Gelegenheit besetzen wir den öffentlichen Raum. Mit Containern, die gern auch Pegida-Routen unterbrechen können. Und die besetzten Räume bespielen wir dann.

Wie reagieren die Dresdener auf diese Aktionen?

Klement Viel positiver als man außerhalb Dresdens denken mag. Ich lebe seit mehr als einem Jahr in der Stadt und muss sagen, sie ist anders, als sie medial vermittelt wird. Die Mehrheit lehnt Pegida, die AfD und die Identitären ab. Aber diese Mehrheit muss noch sichtbarer werden. Denn die Art und Weise, wie hier von Nationalisten und Rassisten Hass gesät wird, ist sehr gefährlich.

Sie würden also nicht  sagen, dass  Dresden politisch gespalten ist?

Klement Es gibt schon einen Riss. Und es mischt sich einiges. Beispielsweise werden jetzt die Erfahrungen der Wiedervereinigung, mit all den Beschädigungen von Identitäten, in einer Weise diskutiert, wie das zuvor nicht der Fall war. In Dresden ist durch den Kohl-Besuch nach dem Mauerfall aus „Wir sind das Volk“ der Slogan „Wir sind ein Volk“ geworden. Von den späteren Enttäuschungen, die es neben den vielen positiven Veränderungen – und auf die man stolz sein kann – auch gegeben hat, profitieren nun vor allem AfD und Pegida.

Spiegelt  sich die Atmosphäre in Dresden auch in Ihrem Spielplan wider?

Klement Sehr deutlich sogar. Allein zum Saisonbeginn spielen wir u.a. „Der Untertan“ nach Heinrich Mann und fragen nach dem deutschen Seelenzustand. Wir zeigen nach den Drehbüchern von Jurek Becker „Wir sind auch nur ein Volk“.  Da werden  Ost-West-Missverständnisse sehr unterhaltsam reflektiert. Oder „Odyssee“  von Roland Schimmelpfennig. Die Geschichte eines Mannes, der nach langer Zeit als Fremder in seine Heimat zurückkommt. Unser Theater ist jedenfalls mittendrin in der gesellschaftlichen Debatte.

Mit Joachim Klement
sprach André Bochow