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| 17:07 Uhr

Islamistin aus der Provinz

FOTO: dpa
Pulsnitz. Über Linda will kaum einer sprechen in ihrer Heimatstadt Pulsnitz. Manche winken ab, andere gehen schnell vorbei. Es ist fast so, als hätte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ihren Arm bis in die sächsische Provinz ausgestreckt und hier eine Mauer des Schweigens errichtet. Von Simona Block und Jörg Schurig, dpa

Tatsächlich haben die selbst ernannten Gotteskrieger hier nur eine Seele erreicht und eine Schülerin dazu gebracht, ihre Heimat zu verlassen und sich ihnen anzuschließen. Die Veränderungen im Wesen der Jugendlichen waren an Äußerlichkeiten erkennbar, in ihr Inneres ließ sie sich offenbar nicht schauen.

Jetzt wurde die 16-Jährige im irakischen Mossul gefunden - nach Berichten aus Bagdad verwundet und auch seelisch frustriert. „Ich bin froh, dass Linda am Leben ist und ich hoffe, dass sie den Ausstieg aus der extremistischen Szene schafft und sich wieder in unsere freiheitlich demokratische Grundordnung eingliedert“, sagt Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). „Das wird kein einfacher Weg.“ Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft Dresden die zunächst eingestellten Ermittlungen gegen Linda wieder aufgenommen.

In Lindas Heimatstadt Pulsnitz, knapp 30 Kilometer von Dresden entfernt, gibt es am Montag mehr Fragen als Antworten. Viele Einwohner der pittoresken Kleinstadt, die für Pfefferküchlereien, Blaudruck und Töpferwaren bekannt ist, schweigen. Andere sind genervt vom „Medienrummel“. Die parteilose Bürgermeisterin Babara Lüke fürchtet um das öffentliche Bild ihrer Kleinstadt. Die Menschen hätten keinerlei Erfahrung mit dem Thema, Linda sei „ein Einzelfall“.

„Die Leute sind gespalten“, fasst eine Mitarbeiterin der Kommune Eindrücke aus zahlreichen Gesprächen zusammen. Manche würden die Jugendliche am liebsten nie wieder in der Stadt sehen wollen, anderen hielten wegen ihrer Jugend eine zweite Chance für angebracht. „Ich würde mein Kind nie fallenlassen“, sagt eine Rentnerin, die in der Nähe von Lindas Schule wohnt. An das Mädchen selbst kann sie sich nicht erinnern. Ihr Stiefvater dagegen ist präsent - als Hausmeister in der Ernst-Rietschel-Oberschule.

In den Ferien ist der Schulhof verwaist - wie Lindas Platz, als sie am 1. Juli 2016 verschwand. Nun ist sie erneut Stadtgespräch, obwohl sie kaum einer zu kennen scheint. Die Familie ist zugezogen und hat zurückhaltend gelebt, heißt es immer wieder. Auch Sozialarbeiter Christoph Semper kennt das Problem nur aus Gesprächen mit Lehrern. Die hätten „hochgradig geackert“ und versucht, noch etwas zu richten, als sie Lindas Abdriften bemerkten. Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, blickt der 30-Jährige vom Netzwerk für Kinder- und Jugendarbeit nach vorn: „So schlimm das auch ist, aber vielleicht ist das auch eine Chance.“

Semper spielt dabei auf die Strukturen der Sozialarbeit im ländlichen Raum an. Als die frühere CDU/FDP-Koalition 2009 trotz vieler Proteste einen Kahlschlag in der Jugendpolitik vornahm, gingen mancherorts Strukturen den Bach runter. Einen Schulsozialarbeiter gab es in Pulsnitz schon seit Jahren nicht mehr. Ob das die Radikalisierung von Linda hätte verhindern können, darüber will Semper nicht spekulieren. Ihm geht es nicht um den Einzelfall: das kulturelle Angebot und die Infrastruktur auf dem Land seien für Jugendliche ein Handicap. Die Landesregierung hat inzwischen aber umgesteuert und ein Programm für Schulsozialarbeit auf den Weg gebracht.

Nach Angaben der sächsischen Koordinierungs- und Beratungsstelle Radikalisierungsprävention (Kora) findet Radikalisierung nur äußerst selten ausschließlich im Internet statt, selbst wenn der Input radikaler Inhalte allein darüber erfolgt. Für Extremisten sei das Handeln im Sinne der radikalen Ideologie „offline“ häufig ebenso wichtig. Bei spontanen Wesensveränderungen in Kleidung, Sprache und Ritualen sollten Eltern sensibel sein und Rat suchen.

„Der Fall Linda zeigt, wie dringend Prävention und Intervention von islamistischer Radikalisierung auch in Sachsen gebraucht wird“, sagte Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). Kora unterstütze Eltern und das Umfeld von Betroffenen, um Schlimmeres wie eine Ausreise in internationale Kriegsgebiete zu verhindern. Aber es brauche noch mehr Betreuungsangebote vor Ort. Köpping hofft, dass das Nationale Präventionsprogramm gegen islamistischen Extremismus des Bundes ab 2018 dem Internet als Ort von Radikalisierung besondere Priorität einräumt.

Auch Pulsnitz' Bürgermeisterin Lüke bedauert, dass es für Fälle wie Linda bisher keine Möglichkeit gibt, Betroffene schnell in richtige Hilfsangebote zu vermitteln. „Es fehlt eine spezielle Krisenintervention und damit ein strukturierter Weg zur Hilfe für Eltern von Kindern und Jugendlichen, auch wenn sie in die Drogen- oder die rechte Szene abrutschen.“ Lüke sieht die Gefahr einer unkontrollierbaren Beeinflussung junger Menschen über das Internet und Pulsnitz damit nicht allein: „Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können“.