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| 18:00 Uhr

Stätte der Begegnung
Görlitz baut die „Weltstadt“ weiter

 Der Künstler Bernhard Kremser (l.) unterhält sich mit Teilnehmern, die Modellhäuser für die Ausstellung „Weltstadt“ aufbauen.
 Der Künstler Bernhard Kremser (l.) unterhält sich mit Teilnehmern, die Modellhäuser für die Ausstellung „Weltstadt“ aufbauen. FOTO: Miriam Schönbach / dpa
Görlitz. In den leerstehenden Güterbahnhof der Neißestadt bringen Studenten neuen Schwung – unter anderem mit „Zukunftsvisionen“. Von Miriam Schönbach

Das Surren des Stromgenerators bestimmt den Takt der Arbeit im leerstehenden Güterbahnhof in Görlitz. Seit wenigen Wochen ist Leben in den denkmalgeschützten Backsteinbau eingezogen. Durch die Oberlichter wirft die Sonne Schattenmuster auf den Boden der großzügigen Hallen. Unter ihrem Dach werkeln an diesem Vormittag Geflüchtete unter der Anleitung des Künstlers Bernhard Kremser. Bei ihrer  „Bauhütte“ entstehen Modellhäuser für das „Görlitzer Viertel“  innerhalb  der  Ausstellung  „Weltstadt“. Das Projekt haben  junge  Kreative  an  die   Neiße geholt.

Hussein Daowdi steht lächelnd an seinem Arbeitsplatz und sägt gerade eine Holzleiste auf Länge. Zu seinen Füßen steht ein schlichtes Haus. „Mit Balkon. Das ist schön“, sagt der 42-jährige Syrer. Seit zweieinhalb Jahren lebt er mit zwei seiner Kinder in Görlitz, seine Frau und seine beiden anderen Kinder sind in Damaskus geblieben. Vor dem Krieg in seinem Heimatland hat er 15 Jahre lang als Schneider mit einer eigenen Werkstatt gearbeitet, später hatte er noch einen Handy-Shop. Vergangene Zeiten. Nun freut er sich, dass er mit 18 weiteren Geflüchteten das Praktikum bei der „Weltstadt“ absolvieren kann.

Die Idee zu der Modellstadtlandschaft entstand im Internationalen JugendKunst- und Kulturhaus S27 in Berlin in Zusammenarbeit mit raumlaborberlin und der Hochschule der populären Künste Berlin. Die ersten Modellhäuser wurden von September 2016 bis März 2017 bei mobilen Werkstätten in den Berliner Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg, Neukölln, Pankow, Spandau, Tempelhof-Schöneberg sowie in Genshagen (Brandenburg) im Maßstab 1:10 gebaut - von Einheimischen und 150 Jugendlichen aus aller Welt, die auf verschiedenen Fluchtwegen Berlin erreicht haben. Die Häuser entstanden nach ihren Vorstellungen.

In der Hauptstadt wie auch in London waren ihre Bauten bereits zu sehen. Ein Sounddesign lässt die Besucher zudem in die Geräuschkulisse der Stadt eintauchen und macht sie mit Geschichten einzelner Häuser und Erbauer vertraut. „Auf der Suche nach einem Kontrast zu den Vorstellungen von Zugewanderten einer Großstadt gab es den Gedanken, die Schau in einen ländlichen Raum zu holen“, sagt Projektleiter Lorenz Kallenbach vom Görlitzer Kollektiv „Kfünf“. Dahinter stehen Kulturschaffende, manche von ihnen studieren noch Kultur und Marketing an der Hochschule Zittau/Görlitz.

Unterstützung haben sie sich durch den Bildhauer Bernhard Kremser geholt. Fluchterfahrungen kennt der 1954 in Dresden geborene Künstler selbst. Wegen politischer Differenzen verlässt er 1988 die DDR und geht nach Bonn. Nach 15 Jahren in Westdeutschland entschließt er sich, in die Heimat seiner Eltern und Großeltern zurückzukehren und zieht nach Görlitz. Für die Bauhütte mit den Flüchtlingen im Alter zwischen 19 und 58 Jahren hat er sein Atelier ebenfalls in den Güterbahnhof verlegt. „Beim Bau des Görlitzer Viertels geht es um das Kennenlernen. Die Teilnehmer können Kontakte knüpfen, Verantwortung übernehmen und Selbstbewusstsein gewinnen“, sagt er. Sie seien Teil des „Weltstadt“-Projekts.

So wie Daowdi. Der Syrer schraubt gerade eine zugeschnittene Latte fest. „Große Fenster braucht mein Haus auch noch“, sagt er. „Es ist schön, hier zu sein. Es ist nicht gut, zu Hause zu sitzen.“ Michaela Jarosch und Josephine Junker lassen diese Worte lächeln. Insgesamt gehören knapp 20 junge Kreative zum Organisationsteam. Schließlich müssen nicht nur Bauhütte und „Weltstadt“-Ausstellung organisiert werden. Parallel dazu finden die „Zukunftsvisionen“ statt.

Das Festival für zeitgenössische Kunst gibt es als „Kind der Studenten des Studiengangs Kultur und Marketing“ seit 2007 an den verschiedensten spektakulären, verlassenen Orten in Görlitz. Der über 100 Jahre alte Güterbahnhof steht seit 20 Jahren leer. Bei der diesjährigen Auflage werden 18 Künstler aus Deutschland, Litauen und Serbien vom 5. bis 12. Mai zu erleben sein. „Eine Jury hat sie aus den Sparten Fotografie, Malerei, Installation sowie Medien- und Performancekunst ausgewählt. Die Idee der Zukunftsvisionen ist, Street-Art nach Görlitz zu holen und Leerstand nachhaltig zu beleben“, sagt Junker.

Die „Zukunftsvisionen“ und die „Weltstadt“, die vom 10. Mai bis 3. Juni zum Flanieren durch die Gassen einladen, werden von einem Rahmenprogramm aus Musik, Tanz, Theater und Film begleitet. „Besonders wichtig ist uns auch, dass wir Görlitzer aus diesem Viertel mit unseren Projekten ansprechen und Treffpunkte für Austausch schaffen“, sagt „Weltstadt“-Macherin Jarosch.

Nach dem Auszug der jungen Kreativen aus dem Güterbahnhofsareal soll der Komplex zu einer Waldorfschule umgebaut werden. Auf der Fläche davor soll ein Bürgergarten entstehen. Die Görlitzer „Weltstadt“-Macher schicken nach dem Abschluss des Projekts die Modellhäuser samt dem „Görlitzer Viertel“ wieder auf die Reise zurück in die Hauptstadt. Erneut ist dann die Ausstellung unter anderem am 3. Oktober im Abgeordnetenhaus in Berlin zu sehen.