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| 17:17 Uhr

Eltern in Extremsituationen
Letzter Ausweg Babyklappe

Allein in der Babyklappe in Dresden wurden bisher 39 Säuglinge abgelegt.
Allein in der Babyklappe in Dresden wurden bisher 39 Säuglinge abgelegt. FOTO: Jörg Carstensen / dpa
Dresden. In Sachsen sind die Einrichtungen eine unverzichtbare Lösung für Frauen in Notsituationen.

Ein winziger Fußabdruck, das Namensbändchen aus dem Krankenhaus, der erste Schnuller und natürlich jede Menge Fotos – es sind Erinnerungsstücke wie diese, die Eltern in der Regel für ihre Kinder aufbewahren. In einer Babyklappe abgelegten Kindern hingegen bleibt dieser Zugang zur eigenen Herkunft meist verwehrt.

Allein in der Babyklappe des Dresdener Vereins Kaleb wurden bislang 39 Säuglinge abgegeben. Auch knapp vier Jahre nach Einführung der vertraulichen Geburt sei das Angebot unverzichtbar, findet Uta Jarsumbeck. Sie betreut das Projekt „Findelbaby“, das seit 2001 für Frauen in Not Tag und Nacht erreichbar ist. Seit 2014 habe man 14 Kinder gezählt. Im selben Zeitraum habe es in der Landeshauptstadt acht vertrauliche Geburten gegeben. In den vier Jahren vor Einführung des neuen Gesetzes waren es demnach 13 Kinder. „Damit halten sich die Zahlen ungefähr die Waage“.

Im Klinikum Chemnitz sieht es ähnlich aus: Seit Inbetriebnahme des „Babykorbs“ im Jahr 2001 wurden 28 Neugeborene abgegeben, eines davon im letzten Jahr. Die vertrauliche Geburt werde hingegen kaum in Anspruch genommen, sagt Kliniksprecher Arndt Hellmann. Nur zwei solcher Fälle habe man bislang registriert. Die Möglichkeit einer vertraulichen Geburt ersetze daher nicht das Angebot der Babyklappe.

Das „Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt“ wurde am 1. Mai 2014 verabschiedet. Es soll ein Kompromiss sein zwischen der Schutzbedürftigkeit der Mutter und dem Recht des Kindes, seine Herkunft zu erfahren. Somit können Schwangere ein Kind im Krankenhaus zur Welt bringen und trotzdem vorerst anonym bleiben. Die gespeicherten Personendaten bleiben bis zum 16. Geburtstag des Kindes unter Verschluss.

„Wir befürworten die vertrauliche Geburt, weil das Kind erfahren kann, wo es herkommt“, betont Jarsumbeck. Doch an Frauen, die ihre Schwangerschaft aus Verzweiflung bis zuletzt verdrängten und erst mit dem Einsetzen der Wehen eine Lösung bräuchten, komme man mit diesem Angebot nicht heran.

„Unsere Erfahrung zeigt, dass kaum eine der Frauen, die sich für die Babyklappe entscheiden, über den im Gesetz vorgesehenen Weg zu uns kommt.“ Sie lassen sich im Vorfeld der Geburt nicht von einer Schwangerschaftsberatungsstelle begleiten und betreuen. Demnach nutzten vor allem Eltern die vertrauliche Geburt, die ihr Kind ansonsten zur Adoption freigegeben hätten.

Insgesamt gibt es in Sachsen fünf Babyklappen, neben Dresden und Chemnitz in Leipzig, Aue und Plauen. „Wir finden dieses Angebot nach wie vor ganz wichtig, denn das sind Menschen in Extremsituationen, die wir uns nicht einmal vorstellen können“, sagt Cathrin Schauer-Kelpin vom Plauener Verein Karo. In der Babyklappe „Käferle“ wurden demnach seit 2008 neun Kinder abgegeben. Noch immer laste auf den Müttern ein Stigma. Auch die Zusammenarbeit mit den Behörden laufe im Vogtland nicht immer rund, beklagt Schauer-Kelpin.

Nach wie vor gelten nach Angaben des sächsischen Sozialministeriums für den Betrieb von Babyklappen keine gesetzlichen Standards. Nach der Erstversorgung der Säuglinge im Krankenhaus wird das zuständige Jugendamt informiert. Anschließend haben die Mütter in der Regel acht Wochen Zeit, das Kind ohne rechtliche Konsequenzen zurückzunehmen. In Dresden war das im vergangenen Jahr bei fünf abgelegten Neugeborenen einmal der Fall.

Sachsenweit wurden bislang mindestens 80 Babys anonym abgegeben. Diese Zahl ist unvollständig, da das Leipziger Klinikum St. Georg dazu keine Auskunft gibt. Laut Sozialministerium wurden bislang 23 vertrauliche Geburten in Sachsen registriert, wobei die Zahlen für 2017 noch nicht vorliegen.

Allerdings muss auch die Babyklappe nicht völlig anonym sein. So bieten sowohl der Plauener als auch der Dresdner Verein jeder Mutter die freiwillige Möglichkeit, ihrem Kind einen Brief zu hinterlassen. „Zudem notieren wir Betreuer in den ersten Stunden all das, woran sich sonst die Eltern erinnern würden“, sagt Uta Jarsumbeck. Allererste Schnappschüsse inklusive.

(dpa)