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| 01:52 Uhr

Im Kofferraum über die Grenze nach West-Berlin

Peter Gross und seine Frau Christa Gross besuchen die Gedenkstätte im ehemaligen „Stasi-Knast“ Bautzen II. Foto: dapd
Peter Gross und seine Frau Christa Gross besuchen die Gedenkstätte im ehemaligen „Stasi-Knast“ Bautzen II. Foto: dapd FOTO: dapd
Bautzen. Sie wollten in den Westen fliehen. Peter Gross fuhr den Wagen, Christa Feurich versteckte sich im Kofferraum. Die Flucht misslang. Das Paar landete für Jahre im Stasi-Sondergefängnis Bautzen II. Eine Sonderausstellung in der Gedenkstätte erinnert an den Fluchtversuch der beiden. dapd/jpr

40 Minuten auf gut einem Quadratmeter sollten Christa Feurich ein Leben in Freiheit bringen. Eingezwängt im Kofferraum eines Autos wagte sie 1975 gemeinsam mit ihrem Freund die riskante Flucht von Ost- nach West-Berlin. Am Grenzübergang Bornholmer Straße endete für das Paar der Traum von einem gemeinsamen Leben in Freiheit, sie werden entdeckt. In der Gedenkstätte Bautzen erinnert bis zum 11. September die Sonderausstellung "Der Fall Gross" an den Fluchtversuch und die anschließende Haft in dem Stasi-Sondergefängnis Bautzen II.

Wo während der SED-Diktatur politisch Verfolgte inhaftiert waren, hängen nun acht große Banner. Im Hauptzellentrakt unterhält sich das Paar mit anderen ehemaligen Gefangenen, sie reden über ihre Erlebnisse in dem Gefängnis. Peter Gross erinnert sich gut an den Fluchtversuch.

Seit Anfang der 1970er-Jahre arbeitete er als Koch in der Schweizer Botschaft in Ost-Berlin. Er erzählte seiner 26-jährigen Freundin Christa Feurich von West-Berlin, wo er schon oft war. Als Mitarbeiter der diplomatischen Vertretung der Schweiz hatte Gross ein Botschaftskennzeichen am Auto. Er konnte damit ungehindert von Ost- nach West-Berlin fahren.

Im November 1974 wagte das Paar die erste gemeinsame Reise nach West-Berlin. Seine Freundin Christa quetschte sich in den kleinen Kofferraum des Austin Mini. "Man muss schon sehr gelenkig sein", betont sie. 40 Minuten dauerte die Fahrt. Die heimliche Reise gelang. Am Tag darauf kehrte das Paar zurück.

Im Februar 1975 wollten sie ein zweites Mal nach West-Berlin fahren. Die Reise sollte als Probe für ihre endgültige Flucht aus der DDR dienen. Am Grenzübergang sei das Auto plötzlich von Polizisten mit Kalaschnikows im Anschlag umstellt worden. Was Peter Gross in dem Moment nicht wusste: Zwei Bekannte hatten ihn verraten, die Staatssicherheit hatte das Paar bereits beobachtet.

Peter Gross und Christa Feurich wurden in getrennten Prozessen verurteilt, er zu fünfeinhalb, sie zu viereinhalb Jahren Haft. Sie kamen in die Stasi-Sonderhaftanstalt Bautzen II. "Nach eineinhalb Jahren durften wir uns das erste Mal wieder sehen", erzählt der Schweizer.1978 wurden sie entlassen und durften nach Westdeutschland ausreisen. Noch im gleichen Jahr gingen sie in die Schweiz und heirateten in Basel. Die Gedenkstätte in Bautzen besucht das Paar regelmäßig. "Man kommt jetzt schon etwas freier her, aber es ist immer noch ein komisches Gefühl im Magen", sagt Peter Gross.