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| 03:05 Uhr

"Ich muss keinen Knalleffekt haben"

Sebastian Gemkows Politisierung begann im Herbst 1989, als er als Elfjähriger die Leipziger Montags-Demonstrationen miterlebte.
Sebastian Gemkows Politisierung begann im Herbst 1989, als er als Elfjähriger die Leipziger Montags-Demonstrationen miterlebte. FOTO: dpa
Dresden. Sebastian wer? Sebastian Gemkow! Der 36-Jährige ist seit drei Wochen Deutschlands jüngster Minister. Der ruhige, höfliche Anwalt aus Leipzig ist zuständig für Sachsens Gerichte und Staatsanwaltschaften. Und muss geradestehen, wenn einer ausbricht. Christine Keilholz

Er ist eher der stille Typ, der 36-jährige Anwalt aus Leipzig. Noch vor wenigen Wochen vertrat er seine Mandanten vor Gericht. Jetzt ist er oberster Herr über Sachsens Gerichte, Staatsanwaltschaften und den Justizvollzug. Politik sei eben nicht planbar, sagt er.

Als vor drei Wochen das neue Kabinett von CDU und SPD vorgestellt wurde, gab es zwei Überraschungen. Eine davon die SPD-Frau Petra Köpping, die als neue Ministerin für Gleichstellung und Integration einen Posten bekam, den es vorher nicht gab. Die andere Überraschung war Sebastian Gemkow, den nicht nur niemand auf dem Zettel hatte - den viele nicht mal kannten.

Gemkows politische Biografie begann im Leipziger Herbst 1989, als er noch im Kinderopernchor sang. Nach den Proben, immer montags, nahm ihn der Vater mit zur Demo. Eine verstörende Erfahrung für einen Elfjährigen. Er lief mit, sah nur Beine, spürte die Gefahr. Die Tragödie kam mit 15, da starb der Vater. Hans-Eberhard Gemkow saß nach der Wende für die CDU als Ordnungsbürgermeister im Leipziger Rathaus. Es war die Zeit der ersten Konflikte um Asylbewerberheime, nach wenigen Jahren im Amt erkrankte er schwer. Beim Sohn, 1978 geboren, setzte sich ein stilles Pflichtbewusstsein fest. Sebastian Gemkow machte Abi, begann ein Jura-Studium und fand als Student zur CDU. Er wurde Anwalt und 2009 Abgeordneter im Landtag, wo er zur überschaubaren Gruppe derer gehörte, die neben dem Mandat auch einem Beruf nachgehen.

In der Fraktion agierte Gemkow eher unauffällig, kümmerte sich um Medienpolitik und leitete das parlamentarische Forum Mittel- und Osteuropa. Er habe ein gewisses Verständnis für die Menschen dort, sagt er. Was auch mit seiner Frau zu tun hat, die aus Lettland stammt. Mit ihr und der vierjährigen Tochter bewohnt der junge Minister eine Zweieinhalbzimmer-Wohnung in der Leipziger Südvorstadt. Jetzt sitzt er in einem Büro, das ihm eigentlich viel zu groß ist, hinter panzerverglasten Fenstern. Zwei Türen weiter, in einem engen Kämmerchen, stehen ein Polsterbett und ein Fernseher. Die ministerielle Dienstwohnung, falls es mal später wird. Schlafen will er hier nicht, das späte Abendbrot zu Hause ist ihm wichtig. Wenn es machbar ist, will er weiter früh die Tochter in den Kindergarten bringen. "Man muss die wenige Zeit, die man hat, gemeinsam nutzen", sagt er.

Bei der Kabinettsbekanntgabe am 13. November raunte es sich sofort rum, er sei halt der Quoten-Leipziger, den Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) noch brauchte. Die Messestadt ist für die Union zum heißen Pflaster geworden. Bei der Landtagswahl verlor die CDU ein Leipziger Direktmandat an die Linke. Gemkow selbst kam in seinem Wahlkreis mit knapp 300 Stimmen vor seinem linken Herausforderer davon. Bei den nächsten Wahlen wird es nicht leichter. Doch abgesehen von Ex-Sozialministerin Christine Clauß fehlen dem CDU-Kreisverband die strahlenden Lichter. Eine Chance für den Newcomer Gemkow.

Erst im Juni dieses Jahres wurde er zum Honorarkonsul der Republik Estland ernannt. Bei der kleinen Feier muss der da noch mit der FDP koalierende Regierungschef ein Auge auf ihn geworfen haben. Denn fünf Monate später eröffnete er dem 36-Jährigen, er könne sich vorstellen, ihn mit der Aufgabe des Justizministers zu betrauen.

Einige Namen waren gehandelt für den Posten. Der gilt innerhalb des Kabinetts als wenig glanzvoll. Ein Justizminister tritt nicht oft vor die Kamera, steht kaum in der Zeitung. Wenn nicht gerade einer ausbricht, so wird intern gern gewitzelt. Aber genau das rückt den Ressortchef im Notfall in die Schusslinie. Gemkow war nicht mal einen Tag im Amt, als in der JVA Bautzen ein Gefangener auf ein Baugerüst kletterte - der ließ sich aber bald wieder einfangen.

Gemkows Vorgänger, der FDP-Mann Jürgen Martens, hatte noch ein paar Zuständigkeiten mehr. Er konnte als Minister für Europa-Angelegenheiten an hohen Feiertagen die blaue Flagge hissen. Doch unter Schwarz-Rot ist der Geschäftsbereich Europa in die Staatskanzlei umgezogen. Dem neuen Minister bleibt nur die trockene Juristerei. Der sieht es gelassen: "Ich muss keinen Knalleffekt haben". Er werde sich jetzt erstmal mit allen bekannt machen. "Und in fünf Jahren ist es mir hoffentlich gelungen, dass alles weiter reibungslos funktioniert."