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"Ich habe überhaupt nichts gegen ihn"

Umstritten: Vize-Landrat Udo Witschas
Umstritten: Vize-Landrat Udo Witschas FOTO: dpa
Bautzen. Der Bautzner Vize-Landrat chattete mit einer NPD-Größe. Entlassen wird er dafür nicht – er verliert aber die Zuständigkeit fürs Ausländeramt. Christine Keilholz / ckz1

Der Ton ist höflich. Man bedankt sich für Freundschaftsanfragen, lässt die Familie grüßen, bevor der umstrittene Chatverlauf bei Facebook sachlich wird. "Mit Herrn Wruck würde ich mich gern mal treffen, habe überhaupt nichts gegen ihn", schreibt Udo Witschas der Lebensgefährtin des NPD-Manns. Und weiter: "Kinderlieb scheinen wir ja beide zu sein, ich hab grad vier am Abendbrottisch sitzen gehabt."

Hat der Vize-Landrat des Kreises Bautzen, Udo Witschas, durch diese Kommunikation mit dem Kreis-chef der Rechtsextremen, Marco Wruck, und dessen Frau eine Grenze verletzt? Ist das schon ein "freundschaftliches" Geplauder, für das der 45-jährige CDU-Mann zurücktreten müsste, wie die Linken es sehen?

Der Facebook-Chat kommt rasch zum Eigentlichen. Wruck stören die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die auf dem Bautzner Kornmarkt abhängen. Insbesondere einer machte den Behörden immer wieder Probleme. Witschas erklärt, man habe versucht, den jungen Mann in einem Erstaufnahme-Heim unterzubringen - doch das Innenministerium sei dagegen gewesen.

Witschas und Wruck vereinbaren, sich zu einem Gespräch zu treffen. Der höfliche Rechtsextreme möchte aber "gern vorab abstecken, wie wir das Ganze nach außen verkaufen". Das Datum solle geheim bleiben, Wruck will "Gegendemonstrationen vermeiden".

Der Chatverlauf von Anfang August liegt als Screenshot vor. Als Konsequenz daraus hat Landrat Michael Harig (CDU) Witschas am Montag die Leitung des Ausländeramts kommissarisch entzogen. Harig, eben erst aus dem Urlaub zurück, sprach von einer "Fehlleistung" seines Beigeordneten, von "Vertrauensverlust" und von "unbedachtem Fehlverhalten". Einen Grund, seinen wichtigsten Mann fallenzulassen, sieht der Landrat vorerst nicht.

Dabei hatte Witschas' Vorstoß bereits für Unmut in den höchsten Kreisen der Landes-CDU gesorgt. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) forderte Aufklärung. Die dreistündige Unterredung, die Witschas schließlich mit Wruck hatte, empörte Flüchtlingshelfer. Der Verein "Willkommen in Bautzen", der die Flüchtlingshilfe koordiniert, hatte daraufhin die Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung abgebrochen. Auch Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD) hatte sich bereits mit der NPD zu Gesprächen getroffen. Auch dabei ging es um die Konflikte zwischen jungen Asylbewerbern und Rechtsextremen am Kornmarkt.

Udo Witschas, Handwerksmeister mit Management-Aufbaustudium, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Lohsa, ist Mitglied der CDU seit 1999 und zweitwichtigster Mann im Landratsamt seit 2008. Wie es von dort heißt, habe er sich nun entschuldigt für "fehlerhafte Formulierungen" und einen "komplett falschen Ton".

Den Linken reicht das nicht. Landeschef Rico Gebhardt fordert ein Disziplinarverfahren gegen Witschas. Wer "mit einem führenden Nazi wie mit einem guten Freund kommuniziert und mit ihm gemeinsame Sache gegen Geflüchtete und ihre Unterstützer macht", sei untragbar, so Gebhardt. Auch der Vize-Chef der SPD-Kreistagsfraktion, Roland Fleischer, sieht das so. "So ein Mann ist aus unserer Sicht nicht mehr haltbar", sagte Fleischer nach der Krisensitzung am Montagabend.

Der Rechtsextreme Marco Wruck liegt derweil im Clinch mit der NPD. Nur ein halbes Jahr war der 32-jährige gebürtige Berliner Kreis chef in Bautzen. Inzwischen habe man ihn aus der Mitgliederliste gestrichen, heißt es aus dem NPD-Landesverband. Wruck soll mehrmals in Folge Mitgliedsbeiträge nicht gezahlt haben.