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| 14:39 Uhr

Sehenswert
„So authentisch, offen und ehrlich“

Der Fotograf Andreas Varnhorn lässt sich während des Aufbaus seiner Ausstellung „Heimat – Domizna“ im Haus der Sorben mit Porträts von Christina Matka (l.) und Jana Sende und einem 25 Jahre alten Bild, wo beide Frauen als Kinder gemeinsam zu sehen sind, porträtieren.
Der Fotograf Andreas Varnhorn lässt sich während des Aufbaus seiner Ausstellung „Heimat – Domizna“ im Haus der Sorben mit Porträts von Christina Matka (l.) und Jana Sende und einem 25 Jahre alten Bild, wo beide Frauen als Kinder gemeinsam zu sehen sind, porträtieren. FOTO: Miriam Schönbach / dpa
Bautzen. „Heimat – Domizna“: Fotoausstellung in Bautzen dokumentiert den Alltag der Sorben vor 25 Jahren und heute. dpa

Vielleicht teilen die beiden Mädchen in ihren weißen, langen Kleidern gerade ein Geheimnis. Diesen heimlichen Augenblick kurz vor der Fronleichnams-Prozession in der katholisch-sorbischen Oberlausitz hält Andreas Varnhorn im Frühjahr 1992 fest. 25 Jahre später packt der Fotograf aus dem hessischen Bad Vilbel wieder seine Kamera ein und besucht die Menschen von damals erneut. Zu seinen Schwarz-Weiß-Fotografien kommen Porträts in Farbe dazu. Diese Arbeit zeigt jetzt die Ausstellung „Heimat – Domizna“ im Haus der Sorben in Bautzen .

Andreas Varnhorn betrachtet die großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien mit den Mädchen. „Ich bin nach der Wende durch einen Fernsehbeitrag auf die Sorben aufmerksam geworden. „Praktizierende Katholiken während der DDR-Zeit? Im tiefsten Sachsen? Das wirkte auf mich wie das gallische Dorf der Unbeugsamen“, sagt der heute 56- Jährige.

Bereits im Jahr des Mauerfalls packten er und einige seiner Foto-Design-Kommilitonen von der Uni Bielefeld ihre Technik zusammen, um ins Unbekannte aufzubrechen und die geschichtsträchtigen Tage in Berlin wie in anderen Ländern hinter dem einstigen eisernen Vorhang durch den Sucher zu erleben. Für die Diplomarbeit setzte  sich der gebürtige Bremer 1992 mit seiner Fotoausrüstung in den alten Golf, um sich auf die Spuren der katholischen Sorben zu begeben.

Ihr Siedlungsgebiet liegt zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda. Die anerkannte slawische Minderheit in Deutschland hat rund 60 000 Angehörige. Etwa zwei Drittel von ihnen leben in der sächsischen Oberlausitz, wo es nach Schätzungen noch etwa 20 000 aktive Sprecher des Obersorbischen gibt. Ein weiteres Drittel ist in der brandenburgischen Niederlausitz zu Hause.

Varnhorn kennt beim ersten Abstecher ins östlichste Sachsen niemanden und fährt drauflos. Nach der ersten Tür öffnen sich schnell viele weitere. Er wird von Familie zu Familie weitergereicht und lernt einen Braschka – den Zeremonienmeister rund um die sorbische Hochzeit - kennen. Er trifft einen Holzbildhauer, Frauen in sorbischen Trachten, Menschen, die den Fall der Mauer als Chance begreifen und jene, die sich von Vertrautem verabschieden müssen. Die Menschen nehmen den Außenstehenden freundlich in ihrer Mitte auf, er hält einsame Momente bei innerer Einkehr im Gebet in der Ralbitzer Kirche fest, fröhliche Jungen nach dem traditionellen Maibaumwerfen oder eine Hochzeitsgesellschaft am Grab des Brautvaters.

Varnhorn will nicht nur die kirchlichen Feiertage wie Ostern, Pfingsten und Fronleichnam festhalten. Ihm geht es darum, das „pralle Leben drumherum“ auf 100 Schwarz-Weiß-Filme mit je 36 Aufnahmen bei seinen drei Aufenthalten zu bannen – wie eben jene tuschelnden Mädchen. Sie heißen Christina Matka und Jana Sende.

Letztere erinnert sich noch gut an diesen Tag, als der Fotograf kam. „Ich war damals eine druška (Brautjungfer) von vielen. An dem Tag war ich nicht besonders glücklich, weil die meisten meiner Freundinnen die sorbische Tracht tragen durften und ich nicht“, erzählt sie Varnhorn 25 Jahre später beim Wiedersehen.

Der Gedanke, zu den Menschen von einst zurückzukehren, begleitet den Künstler lange. „Ich war neugierig, was aus ihnen geworden ist und wohin sie ihre Wege geführt haben. Dieser Zeithorizont macht es interessant“, sagt er. Die Kontakte lassen sich leichter aufbauen als gedacht. Im Frühling und Sommer 2017 kann er erneut einen Blick ins Leben der einstigen Protagonisten werfen. Und nicht nur das: Die Porträtierten erzählen dem Fotografen, was für sie „Heimat“ bedeutet. So entsteht der Titel für die Ausstellung.

Die Katholische Akademie Rabanus Maurus und die Stiftung für das sorbische Volk haben unter anderem das Projekt bei der Umsetzung unterstützt. „Für mich ist das Besondere, die Kombination aus Bild und Text. Die Menschen sind so authentisch, offen und ehrlich“, sagt Maria Schiemann von der Stiftung für das sorbische Volk. Aus den 25 Jahre alten Fotografien sprühe zudem so viel Fröhlichkeit und Natürlichkeit und sie zeigten, wie stark sich die kleine sorbische Welt verändert habe. „Diese Sicht von einem Außenstehenden ist für uns Sorben wichtig“, sagt Schiemann.

Die Stiftungsmitarbeiterin hält das Projekt für einzigartig. „Nach der Wende sind viele gekommen, um das sorbische Leben zu fotografieren und zu filmen. Dass jemand wiederkommt, war selten“, sagt sie. Bis 30. Juni ist die Schau in Bautzen zu sehen. „Ich möchte, dass die Bilder dann nicht in meinem Keller verschwinden“, sagt Varnhorn. Der freischaffende Fotograf könnte sich ein Buch vorstellen. Bereits jetzt steht für ihn fest, dass er jene, die sich neben den bereits Neu-Porträtierten auf den Schwarz-Weiß-Fotografien wiedererkennen, auch noch vor seine Kamera holt. „Die Menschen haben mir ihre Motive gegeben. Nun gebe ich ihnen etwas zurück.“