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"Gott sei Dank sind Seiteneinsteiger da"

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Dresden. Lehrernachwuchs für Sachsens Schulen zu bekommen, wird immer schwerer. Manche Politiker sprechen mittlerweile von einer dramatischen Lage. Schon das Schuljahr 2016/2017 habe nicht reibungslos starten können. Christine Keilholz / ckz1

Zum Beginn der Ferien ist Sachsen laut Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) bei der Lehrersuche auf gutem Wege. Insgesamt sind bis Anfang August 1400 Lehrerstellen zu vergeben. Davon seien 70 Prozent bereits vergeben, sagte Kurth vorige Woche im Dresdner Landtag. Damit liege man zeitlich "im Trend der Vorjahre".

Das sieht der Koalitionspartner weniger entspannt. Die Bildungssprecherin der SPD-Fraktion, Sabine Friedel, spricht von einem "gravierenden Lehrermangel". Schon das Schuljahr 2016/2017 habe nicht reibungslos starten können. Nun ist für Friedel klar, dass es auch am 7. August keinen reibungslosen Start ins Schuljahr geben werde. An vielen Stellen habe man mit Unterrichtsausfall zu tun. Die Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf - umstritten zwar - sind "Gott sei Dank da und helfen uns", sagt Friedel. Zudem würde an mancher Schule jedes Jahr der Fachlehrer wechseln.

Dabei brauche Schule doch Kontinuität, betont die SPD-Frau. Dieser Satz ist häufig zu hören in der sächsischen Bildungsdebatte. Meist allerdings aus der CDU. Doch in der letzten Landtagssitzung vor der Sommerpause räumte auch Kultusministerin Kurth Fehler in der Vergangenheit ein, die "sich nicht wiederholen dürfen".

Viel Hoffnung setzt die CDU-SPD-Regierung auf ein 213 Millionen schweres Maßnahmenpaket zur Lehrerversorgung. Darin vorgesehen sind bessere Bezahlung für Lehrer und Nachhilfe für Lehramts-Studenten.

Immerhin haben sich zum zweiten Schulhalbjahr 2016/2017 fast 2300 junge Leute als Lehrer beworben - doch nur 800 von ihnen sind ausgebildete Pädagogen mit einem Lehramtsabschluss. Der Lehrerberuf in Sachsen ist demnach durchaus attraktiv - auch für Seiteneinsteiger. Aber die Einstellungen werden dadurch nicht leichter. Auch wegen der Ansprüche der Berufseinsteiger. So kommt es immer wieder vor, dass jemand ausschließlich einen bestimmten Job an einer bestimmten Schule will. Meistens in Leipzig, dem Zentrum der Lehrerausbildung in Sachsen. Viele wollen nach dem in der Stadt bleiben.

Dass bis jetzt überhaupt so viele Stellen besetzt werden konnten, ist den vielen Seiteneinsteigern zu verdanken. Ein Drittel der neu eingestellten Lehrer sind Seiteneinsteiger, die meisten mit Abschlüssen in Geistes- oder Gesellschaftswissenschaften. Bei der Einstellungsrunde vor einem Jahr gab es einen Aufschrei, denn da machten die Seiteneinsteiger fast die Hälfte aus.

Ein Zustand, für den die SPD-Bildungspolitikerin Friedel jüngst eine Entschuldigung für angebracht hielt. Der Anstieg der Schülerzahlen seit 2011 hätte Anlass sein müssen, um umzusteuern und wieder neue Lehrer einzustellen. "Dieser Zeitpunkt wurde verpasst", sagte Friedel dem versammelten Landtag. Das Kind sei in den Brunnen gefallen - man bemühe sich nun, es wieder herauszuholen. Die SPD macht für sich geltend, mit ihrer Regierungsbeteiligung den Stellenabbau gestoppt zu haben. Jede freie Stelle "wurde neu und unbefristet wiederbesetzt", so Friedel.

Zudem bekommen Sachsens Lehrer künftig zusätzliche Unterrichtsstunden als Überstunden bezahlt. Diese Änderung des Beamtengesetzes, die der Landtag vor einer Woche beschlossen hat, ist Teil des Maßnahmenpakets. Die Regelung soll rückwirkend für seit Januar geleistete Überstunden gelten und ist auf vier Jahre befristet.