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| 18:56 Uhr

IT-Firmen bringen Jobs in die Region
Görlitz: Das neue Silicon Valley?

 Schwere Technik und Maschinen dominieren noch die Wirtschaft in Görlitz – hier die Montagehalle im Siemens-Turbinenwerk.
Schwere Technik und Maschinen dominieren noch die Wirtschaft in Görlitz – hier die Montagehalle im Siemens-Turbinenwerk. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
Görlitz. Wie sich die Stadt an der Neiße nach den Krisen um Siemens und Bombardier wirtschaftlich neu erfindet. Es könnte der Beginn eines kleinen Wirtschaftswunders sein. Von Christine Keilholz

Terence Böhme ist heimgekehrt. Mit 38 Jahren hat ihn Görlitz wieder, die Stadt, in der er Informatik studiert hat. Als mit der Schule fertig war, waren die Aussichten auf einen Job in der Region nicht die besten, erzählt er: „Viele aus unserer Klasse haben ihr Glück in Westdeutschland gesucht.“

Er selbst auch. Nach dem Studienabschluss ging Böhme als Software-Entwickler erst in die Schweiz, dann an Rhein und Main. Mit seiner Frau Jenny, die wie er aus Rothenburg stammt, ließ er sich nahe Ulm nieder. Alles passte gut: Das Haus, gute Jobs und drei Kinder. Das hätte alles so bleiben können, aber dann entschied sich das Paar für einen radikalen Schnitt. „Wir haben uns immer wieder gefragt, warum ziehen wir nicht zurück in die Heimat“, sagt Böhme. Im vergangenen Jahr ergab sich die Gelegenheit dazu.

Die Chance, junge Leute an die Region zu binden

Die Böhmes sind der Traum für die Strukturpolitik in der Lausitz. Ein gut ausgebildets Paar mit Kindern und reicher Arbeitserfahrung, das zurückkehrt, um etwas aufzubauen. In ihrem Fall bringen sie gleich noch eine Firma mit. Als Terence Böhme seinem Chef eröffnete, dass er nach Görlitz ziehen will, sagte der: „Gut, dann machst Du dort eine Niederlassung auf.“

Gesagt getan. Seit dieser Woche hat der Technologie-Dienstleister Tallence AG in Görlitz eine neue Zweigstelle. Es ist die erste, die das Unternehmen mit Sitz in Hamburg in Ostdeutschland aufmacht. Terence Böhme sieht das als Chance, junge Leute der „verlorenen Generation“, wie er sagt, an die Region zu binden. Er hatte die Idee, ausgewanderte Absolventen zurück in die Heimat zu holen. „Wir wollen zeigen, dass es für den künftigen Nachwuchs gute Möglichkeiten gibt, vor Ort Karriere zu machen“, sagt der IT-Fachmann.

Damit trifft er den Nerv der lokalen Politik. Die kam dann auch zur Eröffnung der Niederlassung am Dienstag. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Görlitzer und gerade mitten im Landtagswahlkampf, lobte das gute Beispiel, das die Tallence AG mit ihrer Standortwahl gibt: „Sachsen und Görlitz waren immer Regionen, die die Zukunft mit beiden Händen anpacken und für sich gestalten.“

Sie arbeiten mitten im historischen Zentrum der Stadt

Die neue Görlitzer Dependence der Firma ist ein prunkvoller Händlerpalast in der Neißstraße. So sieht die moderne Arbeitskultur eines IT-Dienstleisters aus: Die bald zwölf Mitarbeiter haben ihre Schreibtische unter einer bunt bemalten Holzkassetten-Decke mit Blick auf einen großen Innenhof, in dem Efeu rankt an mittelalterlichen Wänden.

Bei einem Spaziergang waren die Böhmes auf das Gebäude aufmerksam geworden, und mieteten es sofort. Es steht mitten im historischen Herzen der alten Stadt, jeden Tag laufen Hunderte Touristen am Haus vorbei. Die Lage hat auch andere Vorteile, daruf machte der Oberbürgermeister bei der Eröffnungsparty aufmerksam. „Das Rathaus ist nur 30 Sekunden entfernt“, meinte Octavian Ursu (CDU). „Nutzen Sie das, wenn Bedarf besteht.“

Eine Ansiedlung wie diese ist für Ursu ein Glücksfall. Gerade frisch im Amt, will er seine Stadt als Wirtschaftsstandort nach vorn bringen. Mit den Industrie-Unternehmen, die die Metropole an der Neiße lange geprägt haben, wird das allein nicht mehr gehen. Traditionell ist die Wirtschaft um Görlitz vom Maschinen- und Anlagenbau geprägt. Die Hängepartie um den Siemens-Standort hat aber gezeigt, wie abhängig eine Region von einer einzigen Konzern­entscheidung sein kann. Die Siemens-Niederlassung bleibt bestehen. Als Kompensation für die gestrichenen mehr als 700 Arbeitsplätze will der Technologie-Konzern nun eine Forschungssparte in Görlitz installieren.

Es könnte sich in Görlitz ein kleines Wirtschaftswunder ereignen

Hoffnung macht auch das neue Zentrum für fortgeschrittenes Systemverständnis, das Ende des Monats in Görlitz an die Arbeit geht. Das Projekt, Casus genannt, ist eine Kooperation mehrerer Forschungsinstitute aus Deutschland und Polen. Es soll bis zu 200 IT-Jobs in der Stadt schaffen. Zusammen gesehen, kann sich daraus ein neues Technologie-Cluster in Görlitz entwickeln. IT-Dienstleistungen sind für Görlitz eine wichtige Branche geworden. Hier macht sich die Nähe zur Hochschule Zittau/Görlitz bezahlt, die über starke Elektro- und Informatik-Sparten verfügt. Durch Ausgründungen der Hochschule und Neuansiedlungen konnte sich so in Görlitz ein kleines Wirtschaftswunder ereignen.

Die Ansiedlung der Tallence AG schmiegt sich gut daran an. Das Unternehmen aus der Technologie- und Managementberatung hat 150 Mitarbeiter an den bisherigen Standorten Hamburg, Frankfurt, Marburg und Karlsruhe. Sie entwickeln Software und beraten große Konzerne in digitalen Angelegenheiten. Vorstandschef Frank Moll schätzt an Görlitz insbesondere, „wie uns die Stadt willkommen geheißen hat“. Die Internet-Ausstattung habe „in Rekordzeit“ super funktioniert. Früher oder später, so Moll, hätte der Weg seines Unternehmens ohnehin nach Ostdeutschland geführt. Dass es nun Görlitz geworden ist, liegt an Terence Böhme und seiner persönlichen Geschichte.

 Terence Böhme (M.) ist nach Görlitz zurückgekehrt, wo er einst studiert hat.
Terence Böhme (M.) ist nach Görlitz zurückgekehrt, wo er einst studiert hat. FOTO: LR / Paul Glaser

Das Haus in Ulm hatten die Böhmes gerade fertig. Aber der Wunsch, nahe bei der Familie zu sein, war stark. Als sie sich entschlossen hatten, war das Haus schnell verkauft. Jetz besitzen sie ein neues in Rothenburg. Dort wachsen die Kinder in der Nähe der Großeltern auf. „Wir wollten nicht nur in den Ferien hier sein“, sagt Jenny Böhme. „Wir wollten die Lausitz wieder im Alltag erleben können.“