ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 00:00 Uhr

Globetrotter übernachten kostenlos im „Hospitality-Club“

Bei Veit Kühne in Radebeul bei Dresden geben sich die Gäste die Klinke in die Hand: Während sich zwei Mädchen aus Ungarn verabschieden, checken zwei junge Polinnen im Gästezimmer ein. Wenn Kühne nicht selbst rund um den Erdball unterwegs ist, bekommt er derzeit durchschnittlich einmal pro Woche Besuch. Es sind Unbekannte, von denen er so gut wie nichts weiß. Von sandra hänel

Kühne pflegt ein "offenes Haus" - und zwar mit System. Im Juli 2000 gründete er den "Hospitality-Club", eine Internet-Plattform, "um Reisende einander näher zu bringen", wie er sagt. Dabei kommen Reiselustige jeden Alters und jeder Herkunft zusammen, die auf ihren Touren nicht in kommerziellen Herbergen absteigen wollen, sondern zu Hause bei anderen Menschen. Weil es um Gastfreundschaft gehe, betont Kühne, seien die Angebote ebenso wie die Club-Mitgliedschaft kostenlos.

180 000 Mitglieder registriert
Auf den Webseiten vom "Hospitality-Club" versammeln sich inzwischen 180 000 Mitglieder aus 207 Ländern und Gebieten von A wie Afghanistan bis Z wie Zimbabwe. Teilnehmer aus Nepal, Jamaika, Martinique, von den Seychellen, Fidji-Inseln und viele mehr sind dabei. Und das Netzwerk wächst stetig: in den vergangenen zwei Monaten seien pro Woche jeweils rund 5000 neue Club-Teilnehmer dazugekommen, sagt Kühne.
In Deutschland haben sich fast 35 000 Teilnehmer registrieren lassen. Die USA sind mit mehr als 16 000 Mitgliedern die zweitstärkste Nation im Reisenetzwerk. Ewa Duda aus Krakau ist begeistert: "Mit geringem Budget kann ich überall hinreisen, lerne dabei Land, Leute und Kulturen auf eine direkte Art kennen", erklärt die 27 Jahre alte Geografiestudentin.
Ewa ist eine der beiden Polinnen, die bei Kühne derzeit für zwei Nächte untergekommen sind, um von Radebeul aus weiter nach Frankreich zu ziehen. Der große Vorteil des Clubs liege in den klar formulierten Absichten aller Teilnehmer: "Ich benötige eine kostenlose Unterkunft, die mir auch kurzfristig zur Verfügung gestellt werden kann", erzählt Ewa.
Sie selbst habe bereits fünf Club-Gefährten aus Italien, Kanada, Litauen, Deutschland und den USA bei sich aufgenommen. "Dabei entstehen Freundschaften rund um den Globus", sagt sie. Darüber freut sich Kühne wohl am meisten, wenn er so etwas hört. Denn die Vision des Club-Gründers ist, die Welt ein wenig zu verbessern: "Ich möchte, dass die Menschen interkulturelles Verständnis durch persönlichen Kontakt entwickeln", sagt er.
Dabei solle der gastfreundschaftliche Austausch zur generellen Reisegewohnheit werden. "Wenn es viele Mitglieder auch in konfliktträchtigen Gegenden wie Israel und Palästina gibt, die mit gegenseitigen Besuchen in Kontakt kommen, kann das langfristig zur Friedensstabilisierung beitragen", hofft der 28-Jährige.
Dieser Vision widmet Kühne seine ganze Kraft. Nachdem er sein BWL-Studium abgeschlossen hat, lebt er derzeit "vom Ersparten". Sein "Tagesgeschäft" sei der Ausbau des Clubs und die Pflege der Webseiten, ehrenamtlich. Bei den Großeltern in Radebeul ist die Basisstation, von wo aus das Projekt organisiert und gleichsam Besuch empfangen wird.

Keine schlechten Erfahrungen
"Eine gute Sache, denn wer sich gegenseitig besucht, führt keinen Krieg miteinander", sagt Kühnes Oma Gisela Janus. Schlechte Erfahrungen habe es mit noch keinem Gast gegeben. Ein Sicherheitssystem schützt vor Missbrauch, erklärt Kühne. Bevor Mitglieder aufeinander treffen, tauschen sie Passnummern aus und kontrollieren sie beim Besuch. Außerdem können sich Teilnehmer auf den Webseiten gegenseitig bewerten.
Wie viele Frauen und Männer in den vergangenen Jahren bei Kühne aus- und eingegangen sind, könne er nur noch schätzen. "Um die 200 Leute aus 50 verschiedenen Ländern", sagt er. Er selbst habe die Gastfreundschaft in bislang 68 Ländern kennengelernt.
Kontakt im Internet: www.hospitalityclub.org